Bei einer künstlichen Befruchtung sollen Hormonspritzen die Eierstöcke dazu anregen, möglichst mehrere Eizellen gleichzeitig heranreifen zu lassen. Doch während manche Frauen auf die Stimulation mit zahlreichen reifen Eizellen reagieren, entwickeln sich bei anderen trotz hoher Medikamentendosen nur wenige Follikel. Woran liegt das? Welche Rolle spielen Alter, AMH-Wert und Eizellreserve? Und lässt sich eine schwache Reaktion der Eierstöcke überhaupt beeinflussen?
Warum die Eierstöcke bei einer IVF stimuliert werden
Bei einem natürlichen Menstruationszyklus entwickelt sich normalerweise ein Follikel besonders weit. In ihm reift eine Eizelle heran, die beim Eisprung freigesetzt wird. Bei einer künstlichen Befruchtung (IVF) ist das anders. Hier versuchen Ärzte, durch eine hormonelle Stimulation mehrere Follikel gleichzeitig zum Wachstum anzuregen. Dafür werden meistens Medikamente eingesetzt, die das follikelstimulierende Hormon FSH enthalten oder dessen Wirkung nachahmen.

Das Ziel: Es sollen möglichst mehrere Eizellen gewonnen werden, damit anschließend im Labor eine Befruchtung stattfinden kann und idealerweise geeignete Embryonen für den Transfer entstehen. Allerdings reagiert jeder Eierstock anders auf diese Behandlung. Während bei manchen Frauen zehn oder mehr Eizellen gewonnen werden können, sind es bei anderen nur zwei oder drei. Manchmal entwickeln sich trotz Stimulation sogar nur ein oder zwei ausreichend große Follikel. Eine solche geringe Reaktion wird als niedrige ovarielle Reaktion bezeichnet.
Die Eizellreserve: Wie viele Eizellen stehen überhaupt noch zur Verfügung?
Eine der wichtigsten Erklärungen liegt in der sogenannten ovariellen Reserve. Damit ist der noch vorhandene Vorrat an Eibläschen in den Eierstöcken gemeint. Frauen kommen bereits mit einem begrenzten Vorrat an Eizellen zur Welt. Im Laufe des Lebens nimmt dieser kontinuierlich ab. Mit zunehmendem Alter stehen deshalb immer weniger Follikel zur Verfügung, die durch eine hormonelle Stimulation zum Wachstum angeregt werden können.
Das bedeutet: Selbst wenn die Medikamente ausreichend hoch dosiert werden, können sie keine zusätzlichen Eizellen erzeugen. Sie können lediglich das Wachstum jener Follikel unterstützen, die zu diesem Zeitpunkt noch vorhanden und stimulierbar sind. Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang bei Frauen mit einer verminderten ovariellen Reserve.
AMH-Wert: Ein wichtiger Hinweis auf die Reaktion der Eierstöcke
Um die zu erwartende Reaktion auf eine IVF-Stimulation besser einschätzen zu können, bestimmen Kinderwunschzentren häufig den AMH-Wert. AMH steht für Anti-Müller-Hormon. Es wird von bestimmten Zellen in den heranwachsenden Follikeln der Eierstöcke gebildet. Der Wert gibt Hinweise darauf, wie groß die verfügbare Follikelreserve ungefähr ist. Ein niedriger AMH-Wert kann darauf hindeuten, dass bei einer hormonellen Stimulation weniger Eizellen gewonnen werden könnten. Ein hoher Wert kann dagegen auf eine größere Follikelreserve und möglicherweise eine stärkere Reaktion hinweisen.
Wichtig ist allerdings: Der AMH-Wert sagt nicht zuverlässig voraus, ob eine Frau schwanger wird. Er hilft vor allem dabei, die zu erwartende Anzahl heranwachsender Follikel und das Risiko einer schwachen oder übermäßigen Reaktion einzuschätzen. Die europäische Fachgesellschaft für Reproduktionsmedizin ESHRE empfiehlt in ihrer 2025 aktualisierten Leitlinie AMH oder die sogenannte Antralfollikelzahl (AFC), um die Reaktion der Eierstöcke auf eine hormonelle Stimulation vorherzusagen.
Was passiert, wenn die Eierstöcke nur schwach reagieren?

Bei einer niedrigen Reaktion entwickeln sich während der Stimulationsphase weniger Follikel als erwartet. Das kann verschiedene Folgen haben:
- Es können nur wenige Eizellen entnommen werden.
- Nicht jede gewonnene Eizelle ist vollständig ausgereift.
- Nicht jede reife Eizelle lässt sich erfolgreich befruchten.
- Aus den befruchteten Eizellen entwickeln sich möglicherweise nur wenige geeignete Embryonen.
Dadurch kann die Wahrscheinlichkeit sinken, dass ein Embryo für den Transfer zur Verfügung steht. Für betroffene Frauen ist das häufig eine große emotionale Belastung. Besonders schwierig wird es, wenn sie bereits mehrere Behandlungszyklen hinter sich haben und trotz hoher Erwartungen immer wieder nur wenige Eizellen gewonnen werden. Eine niedrige Eizellzahl bedeutet jedoch nicht automatisch, dass eine Schwangerschaft ausgeschlossen ist. Auch aus einer einzelnen Eizelle kann unter günstigen Voraussetzungen ein entwicklungsfähiger Embryo entstehen.
Welche Rolle spielt das Alter?
Das Alter gehört zu den wichtigsten Einflussfaktoren für die weibliche Fruchtbarkeit. Mit zunehmendem Alter nimmt nicht nur die Eizellreserve ab. Auch die Qualität der verbleibenden Eizellen verändert sich. Dabei spielen unter anderem Veränderungen der Chromosomenverteilung während der Zellteilung eine Rolle. Bei älteren Eizellen steigt die Wahrscheinlichkeit für chromosomale Fehlverteilungen. Das kann dazu führen, dass sich weniger Eizellen erfolgreich befruchten lassen, Embryonen ihre Entwicklung früher einstellen oder eine Schwangerschaft nicht entsteht.
Es ist deshalb wichtig, zwischen zwei Dingen zu unterscheiden: Eizellanzahl und Eizellqualität sind nicht dasselbe. Eine jüngere Frau kann beispielsweise nur wenige Eizellen produzieren, die aber eine gute Entwicklungschance haben. Eine ältere Frau kann dagegen mehrere Eizellen gewinnen, bei denen die Wahrscheinlichkeit chromosomaler Veränderungen höher ist. Die ESHRE-Leitlinie unterscheidet deshalb ausdrücklich zwischen der Vorhersage der Reaktion auf die Stimulation und der Vorhersage einer späteren Schwangerschaft oder Lebendgeburt.
Warum reagieren manche Frauen trotz guter Hormonwerte schlecht?
Nicht immer lässt sich eine schwache Reaktion allein durch einen niedrigen AMH-Wert erklären. Manchmal erscheinen die Ausgangswerte zunächst unauffällig, dennoch entwickeln sich während der Stimulation weniger Follikel als erwartet. Eine mögliche Erklärung liegt in der individuellen Empfindlichkeit der Eierstöcke gegenüber den eingesetzten Hormonen.
Die Follikel müssen auf die Signale von FSH reagieren, damit sie wachsen und sich weiterentwickeln können. Wie empfindlich sie darauf reagieren, kann von Frau zu Frau unterschiedlich sein. Auch die Zusammensetzung der vorhandenen Follikelpopulation spielt eine Rolle. Nicht jeder kleine Follikel entwickelt sich unter hormoneller Stimulation automatisch weiter. Darüber hinaus werden genetische Unterschiede, bestimmte Erkrankungen und weitere biologische Einflussfaktoren untersucht. Wie stark sie die individuelle Reaktion beeinflussen, ist allerdings noch nicht vollständig geklärt.
PCOS: Wenn die Eierstöcke besonders stark reagieren
Das Gegenstück zur niedrigen Reaktion ist eine übermäßige ovarielle Reaktion. Besonders häufig kann dies bei Frauen mit einem polyzystischen Ovarialsyndrom (PCOS) auftreten. Bei PCOS finden sich häufig zahlreiche kleine Follikel in den Eierstöcken. Gleichzeitig können hormonelle Veränderungen und eine gestörte Insulinregulation die Follikelentwicklung beeinflussen. Bei einer IVF-Stimulation besteht deshalb teilweise die Gefahr, dass sehr viele Follikel gleichzeitig heranwachsen.

Das kann das Risiko eines ovariellen Überstimulationssyndroms (OHSS) erhöhen. Dabei können unter anderem Flüssigkeitsverschiebungen im Körper, Bauchschmerzen und eine Vergrößerung der Eierstöcke auftreten. Schwere Verläufe können medizinisch gefährlich werden. Deshalb muss die hormonelle Stimulation individuell angepasst und sorgfältig überwacht werden.
Kann eine höhere Hormondosis die Reaktion verbessern?
Viele Frauen fragen sich, ob eine höhere Medikamentendosis dazu führen könnte, dass mehr Eizellen heranreifen. Das klingt zunächst logisch, funktioniert aber nicht unbegrenzt. Wenn nur wenige stimulierbare Follikel vorhanden sind, kann auch eine deutlich höhere Hormondosis den begrenzten Vorrat nicht vergrößern. Die ESHRE-Leitlinie von 2025 empfiehlt bei Frauen mit einer vorhergesagten niedrigen Reaktion keine Gonadotropindosis von mehr als 300 internationalen Einheiten täglich.
Eine höhere Dosis bedeutet also nicht automatisch eine bessere Ausbeute. Vielmehr sollte das Stimulationsprotokoll zur individuellen Ausgangssituation passen. Dazu gehören die Ergebnisse der AMH-Messung, die Antralfollikelzahl und gegebenenfalls die Erfahrungen aus früheren IVF-Zyklen.
Gibt es Möglichkeiten, die Eizellreaktion zu verbessern?
Diese Frage beschäftigt viele Frauen, insbesondere wenn eine frühere IVF-Behandlung nicht die erhoffte Anzahl an Eizellen erbracht hat. Die medizinische Forschung untersucht verschiedene Ansätze, um die Reaktion der Eierstöcke zu verbessern. Dazu gehören veränderte Stimulationsprotokolle und zusätzliche Medikamente. Allerdings sind nicht alle häufig beworbenen Zusatzbehandlungen wissenschaftlich ausreichend belegt.
Die ESHRE-Leitlinie bewertet beispielsweise die routinemäßige Gabe von DHEA bei Frauen mit niedriger Reaktion nicht als empfehlenswert. Auch eine zusätzliche Wachstumshormonbehandlung wird nicht generell empfohlen. Für Testosteron vor der Stimulation spricht die Leitlinie ebenfalls keine allgemeine Empfehlung aus. Auch Nahrungsergänzungsmittel können eine verminderte Eizellreserve nicht nachweislich wiederherstellen. Sinnvoll ist deshalb eine individuelle Beratung im Kinderwunschzentrum. Dabei sollte auch geprüft werden, ob das bisherige Stimulationsprotokoll zur tatsächlichen Reaktion der Eierstöcke passt.
Was bedeutet eine geringe Eizellzahl für die Schwangerschaftschancen?
Eine niedrige Eizellzahl kann die Erfolgsaussichten einer IVF-Behandlung einschränken. Sie bedeutet aber keineswegs, dass eine Schwangerschaft unmöglich ist. Entscheidend ist nicht allein, wie viele Eizellen gewonnen werden, sondern auch:

- Wie viele davon vollständig ausgereift sind.
- Wie viele erfolgreich befruchtet werden.
- Wie sich die entstandenen Embryonen entwickeln.
- Wie alt die Frau ist und welche weiteren gesundheitlichen Faktoren vorliegen.
Die Prognose muss deshalb immer individuell betrachtet werden. Auch Frauen, die nur wenige Eizellen produzieren, können mitunter einen entwicklungsfähigen Embryo erhalten und schwanger werden. Eine niedrige Reaktion sollte daher nicht automatisch als gescheiterter Behandlungsversuch bewertet werden.
Nicht die Hormondosis allein entscheidet
Warum manche Frauen bei einer IVF-Stimulation deutlich schlechter reagieren als andere, lässt sich nicht auf einen einzigen Faktor zurückführen. Die Eizellreserve, die individuelle Empfindlichkeit der Eierstöcke und die biologische Ausgangssituation spielen eine wichtige Rolle. Auch das Alter beeinflusst die Qualität der Eizellen und die späteren Schwangerschaftsaussichten. AMH-Wert und Antralfollikelzahl können helfen, die zu erwartende Reaktion besser einzuschätzen. Sie liefern jedoch keine Garantie für den Behandlungserfolg.
Für Frauen mit niedriger ovarieller Reaktion ist vor allem eines wichtig: Eine höhere Hormondosis ist nicht automatisch die Lösung. Entscheidend ist eine individuell angepasste Behandlung und eine realistische Einschätzung der persönlichen Chancen. Denn auch wenige Eizellen können eine Schwangerschaft ermöglichen.




