Eine Kinderwunschbehandlung mit einer deutlich geringeren Zahl an Hormonspritzen könnte in Zukunft für manche Frauen interessant werden. Eine neue randomisierte Studie hat ein sogenanntes „Two-Shot“-Protokoll untersucht, bei dem während der kontrollierten Stimulation der Eierstöcke nur zwei Injektionen eines langwirksamen FSH-Präparats erforderlich waren. Die Studie wurde von einem Team um Valeria Donno und Nikolaos Polyzos am Dexeus Fertility Hospital in Barcelona durchgeführt und in der Fachzeitschrift Human Reproduction veröffentlicht. Insgesamt nahmen 194 Frauen an der Untersuchung teil.
Das Ziel der Forscher war nicht in erster Linie, die Zahl der Spritzen zu reduzieren, sondern zu prüfen, ob sich mit dem vereinfachten Schema eine vergleichbare Anzahl reifer Eizellen gewinnen lässt wie mit einem herkömmlichen Stimulationsprotokoll.
Warum die Hormonstimulation bisher so viele Injektionen erfordert
Bei einer IVF- oder Kinderwunschbehandlung werden die Eierstöcke hormonell stimuliert. Ziel ist es, nicht nur eine einzelne Eizelle heranreifen zu lassen, sondern mehrere Follikel gleichzeitig zu entwickeln. Dafür werden normalerweise Gonadotropine eingesetzt. Diese Hormone unterstützen das Wachstum der Follikel und werden bei vielen Stimulationsprotokollen über mehrere Tage hinweg gespritzt.

Für Patientinnen bedeutet das nicht nur zahlreiche Injektionen. Die Behandlung erfordert auch einen festen Zeitplan, regelmäßige Kontrollen und eine genaue Abstimmung der Medikamente. Die Belastung durch die täglichen Spritzen ist deshalb seit Längerem ein Thema in der Reproduktionsmedizin. Besonders bei einer geplanten Kryokonservierung von Eizellen kann ein möglichst einfaches Stimulationsschema attraktiv sein.
Wie funktioniert das neue „Two-Shot“-Protokoll?
Im Mittelpunkt der neuen Studie stand Corifollitropin alfa, kurz CFA. Dabei handelt es sich um eine langwirksame Form des follikelstimulierenden Hormons FSH. Der entscheidende Unterschied zum herkömmlichen Vergleichsschema bestand darin, wie das Präparat eingesetzt wurde.
Die Frauen im neuen Behandlungsarm erhielten:
- am ersten Tag 150 Mikrogramm Corifollitropin alfa
- am fünften Tag weitere 100 Mikrogramm Corifollitropin alfa
Damit bestand die eigentliche FSH-Stimulation aus zwei Injektionen. In der Vergleichsgruppe wurde dagegen am ersten Tag ebenfalls 150 Mikrogramm Corifollitropin alfa gegeben. Ab dem achten Tag folgten dann tägliche Injektionen von rekombinantem FSH. Beide Gruppen erhielten zusätzlich ein Medikament, das einen vorzeitigen LH-Anstieg verhindern sollte. Die endgültige Reifung der Eizellen wurde anschließend mit einem GnRH-Agonisten ausgelöst.
Eine weitere 2026 veröffentlichte Phase-III-Studie von Forschern des Sixth Affiliated Hospital der Sun Yat-sen University in Guangzhou, China, untersuchte Corifollitropin alfa N02 bei 474 Frauen mit normaler ovarieller Reserve. Hier erhielt die eine Gruppe eine einzige Injektion des langwirksamen FSH-Analogons für die erste Stimulationswoche, während die Vergleichsgruppe täglich rekombinantes FSH erhielt. Ab Tag 8 wurde in beiden Gruppen individuell weiterbehandelt. Das Ergebnis: Die Gruppe mit dem langwirksamen Präparat erzielte durchschnittlich 12,1 gewonnene Eizellen, gegenüber 10,9 in der täglichen FSH-Gruppe. Das vorab festgelegte Kriterium für Nicht-Unterlegenheit wurde erreicht.
Die aktuelle Studie
Die wichtigste Frage der aktuellen Studie der Forscher des Hospital in Barcelona lautete: Kann das Zwei-Spritzen-Schema eine vergleichbare Zahl reifer Eizellen hervorbringen wie die konventionelle Behandlung? Als entscheidenden Messwert betrachteten die Wissenschaftler die Zahl der Eizellen, die das sogenannte MII-Stadium erreicht hatten.
Dabei handelt es sich um den Reifestadium, in dem Eizellen für eine Befruchtung geeignet sind. Bei einer geplanten Eizellkonservierung ist deshalb nicht allein die Gesamtzahl der gewonnenen Eizellen entscheidend, sondern insbesondere die Zahl der reifen Eizellen.
Die Untersuchung war als randomisierte kontrollierte Phase-III-Studie angelegt und fand an einem einzelnen universitären Kinderwunschzentrum statt. Insgesamt wurden 194 Frauen im Verhältnis 1:1 auf die beiden Behandlungsgruppen verteilt. Die Teilnehmerinnen waren höchstens 40 Jahre alt und hatten bestimmte Werte hinsichtlich der ovariellen Reserve: Die Zahl der antralen Follikel lag unter 20 und der AMH-Wert bei höchstens 3 ng/ml.
Wichtig ist deshalb, dass die Ergebnisse nicht automatisch auf alle Frauen mit Kinderwunsch übertragen werden können. Untersucht wurde eine relativ klar definierte Gruppe von Frauen, die sich einer elektiven Fruchtbarkeitserhaltung unterzogen.
Ähnliche Zahl an Eizellen – aber ein wichtiger statistischer Vorbehalt
Bei den Frauen, die nach dem Zwei-Spritzen-Protokoll behandelt wurden, wurden durchschnittlich 6,14 reife MII-Eizellen gewonnen. In der Vergleichsgruppe waren es 7,19.
Der Unterschied war statistisch nicht signifikant. Das klingt zunächst so, als hätten beide Verfahren ähnlich gut funktioniert. Doch genau hier liegt eine wichtige Besonderheit der Studie: Die Forscher wollten mit ihrem Studiendesign ausdrücklich nachweisen, dass das Zwei-Spritzen-Verfahren dem Standard nicht unterlegen ist. Dieses Kriterium wurde statistisch nicht erreicht. Die Studie kann daher derzeit nicht beweisen, dass das neue Verfahren tatsächlich gleichwertig ist.
Warum „kein signifikanter Unterschied“ nicht automatisch Gleichwertigkeit bedeutet
Dieser Punkt ist für das Verständnis der Studie besonders wichtig. Wenn zwei Gruppen keinen statistisch signifikanten Unterschied zeigen, bedeutet das nicht automatisch, dass beide Behandlungsmethoden gleich gut sind. Bei einer sogenannten Nicht-Unterlegenheitsstudie wird vorher festgelegt, wie groß ein möglicher Unterschied maximal sein darf, damit die neue Behandlung noch als ausreichend vergleichbar gilt.
In der aktuellen Studie lag die festgelegte Grenze bei 1,5 reifen MII-Eizellen. Die statistische Unsicherheit der Ergebnisse war jedoch so groß, dass eine tatsächliche Verringerung um mehr als diese Grenze nicht ausgeschlossen werden konnte.
Deshalb konnten die Forscher die Nicht-Unterlegenheit des Zwei-Spritzen-Protokolls nicht bestätigen. Der beobachtete Unterschied lag zwar bei ungefähr einer reifen Eizelle, doch die Studie war nicht groß genug, um daraus eine sichere Gleichwertigkeit abzuleiten. Auch bei der Dauer der hormonellen Stimulation zeigten sich kaum Unterschiede. Im Zwei-Spritzen-Protokoll dauerte die Stimulation durchschnittlich etwa 10,27 Tage, während sie in der Vergleichsgruppe rund 10,19 Tage dauerte.
Auch die Zahl der größeren Follikel am Tag der Auslösung der Eizellreifung war vergleichbar. Der Vorteil des neuen Ansatzes liegt daher nicht darin, dass die gesamte Behandlung wesentlich kürzer wäre. Der entscheidende Unterschied besteht vielmehr in der Anzahl der notwendigen FSH-Injektionen während der Stimulation.
Weniger Spritzen könnten die Behandlung erleichtern
Für Patientinnen könnte eine solche Behandlung trotzdem interessant sein. Eine kontrollierte ovarielle Stimulation kann psychisch und organisatorisch belastend sein. Die Medikamente müssen zu bestimmten Zeitpunkten verabreicht werden, und zusätzlich stehen Ultraschall- und Blutkontrollen an.
Ein Protokoll, bei dem die tägliche FSH-Injektion durch wenige langwirksame Anwendungen ersetzt wird, könnte die Behandlung deshalb einfacher machen. Allerdings muss sich ein solches Konzept nicht nur hinsichtlich der Anzahl der Eizellen bewähren. Entscheidend sind auch die Reife und Qualität der Eizellen, Befruchtung, Embryonalentwicklung, Schwangerschaft und letztlich die Lebendgeburtenrate. Gerade hierzu liefert die aktuelle Untersuchung noch keine ausreichenden Antworten.
Noch keine Aussage über Schwangerschaften und Lebendgeburten
Das ist eine der wichtigsten Einschränkungen der Studie. Die Untersuchung konzentrierte sich auf Frauen, die ihre Fruchtbarkeit vorsorglich erhalten wollten. Deshalb wurde insbesondere die Zahl der gewonnenen und gereiften Eizellen betrachtet.

Die Studie erlaubt keine belastbare Aussage darüber, ob das Zwei-Spritzen-Protokoll später zu genauso vielen Embryonen, Schwangerschaften oder Lebendgeburten führt wie die herkömmliche Stimulation. Auch Unterschiede in der späteren Embryonalentwicklung konnten mit dieser Untersuchung nicht zuverlässig bewertet werden. Die Autoren weisen deshalb selbst darauf hin, dass weitere Studien notwendig sind.
Was bedeutet die Studie für Frauen mit Kinderwunsch?
Die Ergebnisse sind vor allem deshalb interessant, weil sie zeigen, dass ein deutlich vereinfachtes Stimulationsschema grundsätzlich untersucht werden kann. Das Zwei-Spritzen-Protokoll erzeugte in dieser Studie eine ähnliche durchschnittliche Zahl reifer Eizellen wie das Vergleichsschema. Gleichzeitig wurde die statistisch vorab definierte Gleichwertigkeit noch nicht nachgewiesen.
Damit handelt es sich um einen vielversprechenden Forschungsansatz, aber noch nicht um einen neuen Standard der Kinderwunschbehandlung. Ob sich das Verfahren tatsächlich durchsetzen kann, müssen größere und möglichst unabhängige Studien zeigen. Dabei wäre besonders wichtig zu untersuchen, welche Auswirkungen die beiden Protokolle auf Eizellqualität, Embryonenentwicklung, Schwangerschaften und Lebendgeburten haben.
Weniger Spritzen, aber weiterhin eine komplexe Behandlung
Der Begriff „Two-Shot“ könnte den Eindruck erwecken, eine komplette IVF-Behandlung bestehe künftig nur aus zwei Spritzen. So ist es nicht. Das neue Protokoll reduziert die Zahl bestimmter FSH-Injektionen während der ovariellen Stimulation. Andere Medikamente und Behandlungsschritte bleiben jedoch erforderlich.
Auch die regelmäßigen Ultraschalluntersuchungen und hormonellen Kontrollen gehören weiterhin zur Behandlung. Zudem wird die endgültige Reifung der Eizellen mit einer zusätzlichen Injektion ausgelöst. Der eigentliche Fortschritt wäre daher nicht eine Kinderwunschbehandlung „mit nur zwei Spritzen“, sondern eine deutlich vereinfachte hormonelle Stimulation mit weniger täglichen Injektionen.
Ein möglicher Schritt zu patientenfreundlicheren IVF-Protokollen
Die aktuelle Studie zeigt, in welche Richtung sich die Reproduktionsmedizin weiterentwickeln könnte: Neben der Frage, wie viele Eizellen gewonnen werden können, rückt zunehmend auch die Belastung der Patientinnen während der Behandlung in den Mittelpunkt. Langwirksame Hormone könnten dabei helfen, die Zahl der notwendigen Injektionen zu reduzieren und die hormonelle Stimulation einfacher in den Alltag zu integrieren.

Gerade für Frauen, die ihre Eizellen vorsorglich einfrieren lassen möchten, könnte eine Behandlung mit weniger täglichen Injektionen interessant sein. Die hormonelle Stimulation und die regelmäßigen Ultraschall- und Blutkontrollen bleiben zwar bestehen, doch die Medikamentengabe könnte deutlich vereinfacht werden.
Entscheidend ist jedoch nicht allein die Zahl der Spritzen. Wichtig ist vielmehr, ob trotz des vereinfachten Protokolls genügend reife Eizellen gewonnen werden und ob sich daraus später erfolgreiche Schwangerschaften entwickeln können. Ob das Zwei-Spritzen-Protokoll tatsächlich eine gleichwertige Alternative zur bisherigen Standardstimulation darstellt, ist nach den aktuellen Daten daher noch offen.
Die Studie liefert einen interessanten ersten Hinweis darauf, dass sich die FSH-Stimulation möglicherweise deutlich vereinfachen lässt. Größere Studien müssen nun zeigen, ob sich die Ergebnisse bestätigen und welche Patientinnen besonders davon profitieren könnten. Bis dahin bleibt das Zwei-Spritzen-Protokoll ein interessanter Forschungsansatz und noch kein neuer Standard der Kinderwunschbehandlung.




