Endometriose kann starke Schmerzen verursachen und den Weg zum Wunschkind erschweren. Eine neue Studie macht nun Hoffnung auf einen möglichen Therapieansatz: Forschende haben den Wirkstoff Niclosamid mithilfe einer speziellen Technologie so verändert, dass er gezielt bestimmte Immunzellen in Endometrioseherden erreichen soll. In Versuchen mit Mäusen gingen die krankhaften Gewebeherde zurück, gleichzeitig besserten sich die schmerzbezogenen Messwerte. Ob daraus eine neue Behandlung für Frauen mit Endometriose und unerfülltem Kinderwunsch entstehen kann, muss allerdings erst noch untersucht werden.
Warum ein Medikament gegen Bandwürmer bei Endometriose helfen könnte
Wenn sich eine Schwangerschaft trotz Kinderwunsches nicht einstellt, kann Endometriose eine mögliche Ursache sein. Bei dieser chronischen Erkrankung wächst gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter, beispielsweise an den Eierstöcken, am Bauchfell oder im Bereich anderer Beckenorgane. Die Erkrankung kann Entzündungen, starke Menstruationsschmerzen und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr verursachen. Bei manchen Betroffenen beeinträchtigt sie auch die Fruchtbarkeit. Die Behandlung ist häufig eine Herausforderung. Hormonelle Therapien können Beschwerden lindern, verhindern während ihrer Anwendung jedoch in der Regel eine Schwangerschaft. Operative Eingriffe können Endometrioseherde entfernen, doch die Erkrankung kann erneut auftreten. Zudem muss bei Operationen an den Eierstöcken sorgfältig abgewogen werden, wie sich der Eingriff auf die Eizellreserve auswirken könnte.

Deshalb suchen Forschende nach neuen Möglichkeiten, die krankhaften Veränderungen gezielter zu behandeln. Ein Ansatz steht nun besonders im Mittelpunkt: ein speziell aufbereitetes Niclosamid, das ursprünglich als Medikament gegen parasitäre Infektionen eingesetzt wurde. Niclosamid ist ein Wirkstoff, der seit Langem zur Behandlung bestimmter Bandwurminfektionen eingesetzt wird. In der Forschung wurde allerdings festgestellt, dass die Substanz auch biologische Signalwege beeinflussen kann, die an Entzündungen und Zellwachstum beteiligt sind. Das weckte das Interesse von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die nach neuen Behandlungsmöglichkeiten für Endometriose suchen. Denn bei der Erkrankung spielen nicht nur die Gewebeherde selbst eine Rolle. Auch das Immunsystem und die entzündliche Umgebung im betroffenen Gewebe können dazu beitragen, dass die Veränderungen bestehen bleiben und Beschwerden verursachen.
Bereits eine frühere Tierstudie aus dem Jahr 2016 lieferte Hinweise darauf, dass Niclosamid das Wachstum experimentell erzeugter Endometrioseherde bei Mäusen verringern kann. Die Forschenden beobachteten dabei Veränderungen entzündlicher Signalwege. In einem zusätzlichen Versuch konnten behandelte Mäuse schwanger werden und Junge zur Welt bringen. Diese Ergebnisse waren ein erster Hinweis darauf, dass der Wirkstoff in einem experimentellen Modell möglicherweise eingesetzt werden könnte, ohne die Fortpflanzungsfunktion grundsätzlich zu beeinträchtigen. Sie belegen allerdings weder die Sicherheit noch die Wirksamkeit einer entsprechenden Behandlung beim Menschen.
Ein Problem blieb jedoch bestehen: Niclosamid ist schlecht wasserlöslich und wird vom Körper nur begrenzt aufgenommen. Eine längerfristige Anwendung könnte deshalb schwierig sein. Gerade bei einer chronischen Erkrankung wie Endometriose wäre es wichtig, eine möglichst wirksame und zugleich gut verträgliche Behandlung zu entwickeln. Die aktuelle Forschungsarbeit setzt genau an diesem Punkt an.
Neue Technologie soll den Wirkstoff gezielt zu den betroffenen Immunzellen bringen
Für die neue Studie entwickelten Forschende der Washington State University und der University of Michigan eine spezielle Wirkstoffform. Dabei kombinierten sie Niclosamid mit einem sogenannten Dendrimer, einem verzweigten Molekül, das als Trägersystem dienen kann. Zusätzlich verwendeten sie Bestandteile, die die Aufnahme des Wirkstoffs durch bestimmte Immunzellen begünstigen sollen. Im Mittelpunkt standen sogenannte Makrophagen. Diese Immunzellen übernehmen normalerweise wichtige Aufgaben bei der Abwehr von Krankheitserregern, der Beseitigung von Zellresten und der Regulation von Entzündungen.
Bei Endometriose können bestimmte Makrophagen jedoch dazu beitragen, dass sich krankhafte Gewebeherde entwickeln und erhalten. Die Forschenden konzentrierten sich auf Zellen, die den Folatrezeptor-beta (FRβ) tragen. Diese Rezeptoren bieten einen möglichen Ansatzpunkt, um den Wirkstoff gezielt in die betreffenden Zellen einzuschleusen. Die Idee dahinter: Statt den Wirkstoff möglichst breit im Körper zu verteilen, soll er bevorzugt dort ankommen, wo er gebraucht wird. Dadurch könnte die Wirkung auf das erkrankte Gewebe konzentriert und die Belastung anderer Organe begrenzt werden.
Die speziell entwickelte Formulierung verbesserte nach Angaben des Forschungsteams die Wasserlöslichkeit des Wirkstoffs und ermöglichte eine kontrollierte Freisetzung innerhalb der Zielzellen. In den Experimenten zeigte sich zudem, dass sich das Trägersystem bevorzugt in den untersuchten Endometrioseherden anreicherte. Eine ausgeprägte Anreicherung in anderen Organen wurde dabei nur in geringem Umfang beobachtet. Das ist ein wichtiger technischer Schritt. Ob sich diese gezielte Verteilung auch beim Menschen erreichen lässt und ob sie tatsächlich zu weniger Nebenwirkungen führt, ist allerdings noch offen.
Weniger Endometrioseherde und geringere Schmerzempfindlichkeit bei Mäusen
Anschließend untersuchte das Team die Wirkung der neuen Wirkstoffform in einem Mausmodell für Endometriose. Die Ergebnisse wurden 2026 in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials veröffentlicht. Die Tiere erhielten eine einmalige Injektion des entwickelten Wirkstoffträgers mit Niclosamid. In den folgenden Untersuchungen stellten die Forschenden fest, dass die Zahl und das Volumen der Endometrioseherde deutlich zurückgingen. Gleichzeitig verringerte sich die Menge der an den betroffenen Stellen vorhandenen FRβ-positiven Makrophagen.
Auch bei den schmerzbezogenen Messungen zeigten sich Verbesserungen. Die behandelten Mäuse reagierten weniger empfindlich auf schmerzhafte Reize, die mit der experimentell ausgelösten Endometriose in Verbindung standen. Die Effekte waren noch zwei Wochen nach der Behandlung nachweisbar. Die Ergebnisse sind deshalb interessant, weil sie zwei zentrale Probleme der Erkrankung betreffen: das Wachstum der krankhaften Gewebeherde und die damit verbundenen Schmerzen.
Die Forschenden sehen darin einen Hinweis darauf, dass gezielt angesprochene Immunzellen ein möglicher Ansatzpunkt für künftige Endometriosebehandlungen sein könnten. Die Studie liefert damit mehr als einen bloßen Hinweis auf eine entzündungshemmende Wirkung des Wirkstoffs. Sie zeigt im Tiermodell, dass sich durch die gezielte Wirkstoffabgabe sowohl Gewebeveränderungen als auch schmerzbezogene Messwerte beeinflussen lassen. Dennoch muss berücksichtigt werden, dass ein Mausmodell die komplexe Erkrankung beim Menschen nur teilweise abbildet. Die beobachteten Verbesserungen lassen sich deshalb nicht unmittelbar auf Frauen mit Endometriose übertragen.
Was bedeutet die Entdeckung für Frauen mit Kinderwunsch?
Besonders interessant ist der Ansatz für Frauen, bei denen Endometriose und ein unerfüllter Kinderwunsch zusammenkommen. Die Erkrankung kann die Fruchtbarkeit auf unterschiedliche Weise beeinträchtigen. Entzündliche Prozesse können die Umgebung im Becken verändern, Verwachsungen können die Beweglichkeit der Eileiter beeinträchtigen und Endometriose an den Eierstöcken kann mit einer verminderten Eizellreserve einhergehen. Welche Mechanismen im Einzelfall entscheidend sind, hängt unter anderem von der Lage und Ausprägung der Erkrankung ab. Nicht jede Frau mit Endometriose hat Schwierigkeiten, schwanger zu werden. Umgekehrt kann die Erkrankung auch bei vergleichsweise wenigen sichtbaren Herden mit erheblichen Beschwerden oder Fruchtbarkeitsproblemen verbunden sein.
Eine gezielte Behandlung der krankhaften Gewebeherde könnte künftig möglicherweise dazu beitragen, bestimmte Beschwerden zu reduzieren. Ob sie auch die Chancen auf eine natürliche Schwangerschaft erhöht, ist mit den bisherigen Ergebnissen jedoch nicht beantwortet. Die aktuelle Studie untersuchte vor allem die Entwicklung der Endometrioseherde und die schmerzbezogenen Reaktionen bei Mäusen. Sie belegt nicht, dass mehr Eizellen gewonnen werden können, sich die Eizellqualität verbessert oder die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft steigt. Gerade für Frauen mit Kinderwunsch ist diese Unterscheidung wichtig. Eine Behandlung, die Schmerzen lindert oder Endometrioseherde verkleinert, muss nicht automatisch auch die Fruchtbarkeit verbessern. Um das beurteilen zu können, wären gezielte Untersuchungen zur Fortpflanzungsfunktion und später klinische Studien mit Frauen erforderlich.
Könnte Niclosamid eine Alternative zu Hormontherapien werden?
Ein möglicher Vorteil des neuen Ansatzes besteht darin, dass er nicht primär auf eine hormonelle Unterdrückung des Zyklus abzielt. Viele etablierte medikamentöse Endometriosebehandlungen wirken über eine Veränderung der hormonellen Steuerung. Während der Behandlung ist eine Schwangerschaft häufig nicht möglich oder nicht vorgesehen. Ein nicht hormoneller Therapieansatz könnte deshalb langfristig eine interessante Ergänzung darstellen. Besonders relevant wäre er für Frauen, die ihre Beschwerden behandeln lassen möchten, ohne eine hormonelle Therapie anzuwenden.
Allerdings wäre es verfrüht, Niclosamid bereits als Alternative zu bestehenden Behandlungsmöglichkeiten zu bezeichnen. Die neue Formulierung wurde bisher präklinisch untersucht. Es fehlen klinische Studien, die zeigen, wie sicher und wirksam sie bei Frauen ist, welche Dosierung geeignet wäre und welche Nebenwirkungen auftreten könnten. Auch die Frage, ob eine solche Behandlung während einer Phase mit aktivem Kinderwunsch sicher eingesetzt werden könnte, ist ungeklärt. Dafür müsste insbesondere untersucht werden, ob der Wirkstoff oder sein Trägersystem die Eizellreifung, Befruchtung, Einnistung oder frühe Embryonalentwicklung beeinflussen. Bis solche Daten vorliegen, sollte das veränderte Niclosamid als experimenteller Forschungsansatz betrachtet werden – nicht als verfügbare Therapie für Endometriose.
Ein neuer Forschungsweg – aber noch keine Therapie für den Kinderwunsch
Bevor aus den vielversprechenden Ergebnissen eine Behandlung für Patientinnen entstehen kann, sind mehrere weitere Forschungsschritte notwendig. Zunächst muss geklärt werden, ob sich die gezielte Wirkstoffabgabe auch in größeren präklinischen Untersuchungen als sicher und zuverlässig erweist. Dabei ist wichtig, nicht nur die kurzfristige Wirkung zu betrachten, sondern auch mögliche Langzeitfolgen und die Verteilung des Wirkstoffs im Körper. Anschließend müssen klinische Studien zeigen, ob sich die Ergebnisse auf Menschen übertragen lassen. Dabei geht es um grundlegende Fragen: Werden die Endometrioseherde tatsächlich kleiner? Lassen sich Schmerzen dauerhaft lindern? Welche Nebenwirkungen treten auf? Und profitieren bestimmte Patientinnengruppen stärker als andere?
Für Frauen mit Kinderwunsch wäre zusätzlich entscheidend, ob die Behandlung die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft beeinflusst und ob sie für eine Anwendung vor einer geplanten Empfängnis geeignet ist. Erst wenn diese Fragen ausreichend beantwortet sind, lässt sich beurteilen, welchen Platz der Ansatz künftig in der Endometriosebehandlung haben könnte. Die neue Studie zeigt, dass eine gezielte Behandlung bestimmter Immunzellen ein möglicher Weg sein könnte, um Endometrioseherde und damit verbundene Schmerzen zu beeinflussen. Der umgebaute Niclosamid-Wirkstoff verringerte im Mausmodell sowohl die Zahl und das Volumen der Herde als auch die schmerzbezogenen Reaktionen.
Das ist ein vielversprechendes Ergebnis für die weitere Forschung. Es bedeutet jedoch nicht, dass Frauen mit Endometriose künftig einfach ein bestehendes Medikament gegen Bandwürmer einnehmen können. Die neue Formulierung unterscheidet sich vom herkömmlichen Wirkstoff, und ihre Sicherheit beim Menschen muss erst geprüft werden. Für Frauen mit Kinderwunsch bleibt deshalb entscheidend, die Behandlung individuell mit spezialisierten Ärzten abzustimmen. Je nach Alter, Beschwerden, Lage der Endometrioseherde und bisheriger Dauer des Kinderwunsches können unterschiedliche Vorgehensweisen sinnvoll sein.




