Endometriose kann den Kinderwunsch erschweren – doch offenbar spielt auch eine Rolle, wo sich die Endometriose im Körper befindet. Eine aktuelle Studie zeigt, dass verschiedene Formen der Erkrankung die Eierstockreserve nicht in gleicher Weise beeinflussen. Besonders bei Endometriose an den Eierstöcken fanden die Forscher Hinweise auf eine geringere Zahl verfügbarer Eizellen und eine schlechtere Embryoqualität. Die Ergebnisse könnten für Frauen mit Kinderwunsch wichtig sein, denn sie zeigen, dass die Diagnose „Endometriose“ allein noch nicht ausreicht, um die Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit einzuschätzen. Entscheidend könnte auch die genaue Form und Lokalisation der Erkrankung sein. Endometriose ist nicht immer gleich
Besonders die Eierstöcke stehen im Fokus
Bei Endometriose wächst Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter. Es kann sich unter anderem am Bauchfell, an den Eierstöcken oder in tieferliegenden Gewebeschichten des Beckens ansiedeln. Dabei unterscheiden Mediziner verschiedene Erscheinungsformen. Bei der oberflächlichen beziehungsweise peritonealen Endometriose befinden sich die Herde vor allem auf dem Bauchfell. Bei der ovariellen Endometriose entstehen dagegen häufig sogenannte Endometriome an den Eierstöcken. Dabei handelt es sich um mit altem Blut gefüllte Zysten, die umgangssprachlich auch als „Schokoladenzysten“ bezeichnet werden. Eine weitere Form ist die tief infiltrierende Endometriose. Dabei dringen die Herde tiefer in das Gewebe ein und können beispielsweise die Darmwand, die Blase oder andere Strukturen im Becken betreffen. Alle diese Formen können Beschwerden verursachen. Für den Kinderwunsch scheint es jedoch einen Unterschied zu machen, welche Strukturen betroffen sind.
Für die aktuelle Studie untersuchten Wissenschaftler 205 Frauen mit laparoskopisch bestätigter Endometriose, die sich im Rahmen einer Kinderwunschbehandlung einer Follikelpunktion unterzogen. Die Forscher teilten die Patientinnen nach der Form ihrer Endometriose ein und verglichen unter anderem die Anzahl der antralen Follikel, die Zahl der gewonnenen Eizellen, die Reifung der Eizellen und die Qualität der entstandenen Embryonen. Dabei zeigte sich ein auffälliger Unterschied zwischen den verschiedenen Gruppen.
Frauen mit ovarieller Endometriose hatten im Durchschnitt weniger antrale Follikel als Frauen mit oberflächlicher Endometriose. Auch bei der Zahl der gewonnenen Eizellen schnitt die Gruppe mit Endometriose an den Eierstöcken schlechter ab. Bei den untersuchten Frauen mit Endometriomen wurden außerdem die niedrigsten Befruchtungsraten und Embryobewertungen beobachtet. Für die Embryoqualität am fünften Entwicklungstag war der Unterschied statistisch signifikant. Die Ergebnisse sprechen damit dafür, dass insbesondere die ovarielle Form der Endometriose die Bedingungen für eine Kinderwunschbehandlung beeinflussen kann.
Was bedeutet das für die Eierstockreserve?
Die sogenannte ovarielle Reserve beschreibt vereinfacht gesagt, wie viele Eizellen noch in den Eierstöcken vorhanden sind. Sie nimmt mit zunehmendem Alter natürlicherweise ab. Bei Frauen mit Endometriose kann sie jedoch zusätzlich beeinträchtigt sein.
Besonders bei Endometriomen ist dieser Zusammenhang schon länger Gegenstand der Forschung. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2026 kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass die Eierstockreserve insbesondere bei Frauen mit ovariellen Endometriomen beeinträchtigt sein kann. Für die Beurteilung der Eierstockreserve werden unter anderem das Anti-Müller-Hormon (AMH), die Zahl der antralen Follikel im Ultraschall und die Reaktion der Eierstöcke auf eine hormonelle Stimulation herangezogen.
Die neue Studie zeigte allerdings auch, dass der AMH-Wert allein zwischen den verschiedenen Endometrioseformen keinen signifikanten Unterschied erkennen ließ. Andere Parameter, etwa die Zahl der antralen Follikel und die tatsächlich gewonnenen Eizellen, zeigten dagegen deutlichere Unterschiede. Das ist ein wichtiger Punkt: Ein einzelner Wert kann nicht die gesamte Fruchtbarkeit einer Frau abbilden.
Warum können Endometriome problematisch sein?
Warum gerade Endometriose an den Eierstöcken einen stärkeren Einfluss auf die Eierstockreserve haben könnte, ist noch nicht vollständig geklärt. Endometriome können das Gewebe des betroffenen Eierstocks verändern. Hinzu kommen chronische Entzündungsprozesse und Veränderungen der lokalen Umgebung. Dadurch kann die normale Funktion des Eierstockgewebes beeinträchtigt werden. Auch die Behandlung spielt eine Rolle. Wenn ein Endometriom operativ entfernt wird, lässt sich zwar das erkrankte Gewebe behandeln. Gleichzeitig besteht jedoch das Risiko, dass bei dem Eingriff auch gesundes Eierstockgewebe beeinträchtigt wird.
Eine große Studie mit mehr als 3.500 Frauen, die sich einer IVF- oder ICSI-Behandlung unterzogen, fand 2026 ebenfalls einen Zusammenhang zwischen einer vorausgegangenen Entfernung eines Endometrioms und einer niedrigeren Eierstockreserve. Frauen nach einer solchen Operation hatten unter anderem niedrigere AMH-Werte und eine geringere Zahl an gewonnenen Eizellen als Frauen mit unbehandelten Endometriomen.
Das bedeutet nicht, dass eine Operation grundsätzlich falsch ist. Sie kann bei bestimmten Beschwerden oder Befunden medizinisch sinnvoll sein. Bei bestehendem Kinderwunsch muss jedoch sorgfältig abgewogen werden, welchen möglichen Nutzen der Eingriff hat und welche Auswirkungen er auf die Eierstockreserve haben könnte.
Und was ist mit tief infiltrierender Endometriose?
Interessant ist, dass die aktuelle Studie nicht bei jeder Endometrioseform die gleichen Veränderungen fand. Bei Frauen mit tief infiltrierender Endometriose zeigte sich zwar ebenfalls eine niedrigere Zahl an antralen Follikeln als bei Frauen mit oberflächlicher Endometriose. Die deutlichsten Unterschiede bei der Eierstockreserve und der Embryoqualität traten jedoch bei der ovariellen Endometriose auf. Die Ergebnisse für die oberflächliche und tief infiltrierende Form ließen sich nicht in gleicher Weise reproduzieren.
Das sollte allerdings nicht mit der Aussage verwechselt werden, dass tief infiltrierende Endometriose keinen Einfluss auf die Fruchtbarkeit habe. Je nach Lage und Ausprägung können Endometrioseherde beispielsweise Verwachsungen verursachen oder die Anatomie im Becken verändern. Auch Schmerzen beim Geschlechtsverkehr oder andere Beschwerden können den Kinderwunsch indirekt beeinflussen. Die Auswirkungen sind deshalb individuell sehr unterschiedlich.
Endometriose bedeutet nicht automatisch Unfruchtbarkeit
Eine Endometriose-Diagnose bedeutet keineswegs, dass eine Frau keine Kinder bekommen kann. Auch bei Endometriose werden viele Frauen spontan schwanger oder bekommen mit Unterstützung einer Kinderwunschbehandlung ein Kind.
Die Erkrankung kann die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft jedoch verringern. Eine aktuelle Übersichtsarbeit zur Fruchtbarkeitserhaltung weist darauf hin, dass Endometriose insgesamt mit einer eingeschränkten Fruchtbarkeit verbunden ist und dass insbesondere operative Eingriffe am Eierstock die Eierstockreserve zusätzlich beeinträchtigen können.
Deshalb ist es wichtig, nicht nur die Endometriose selbst zu betrachten, sondern auch das Alter der Frau, die Eierstockreserve, die genaue Lage der Endometrioseherde, bisherige Operationen und die Dauer des Kinderwunsches.
Wann kann es sinnvoll sein, über das Einfrieren von Eizellen nachzudenken?
Die aktuelle Studie wirft auch die Frage auf, ob Frauen mit ovarieller Endometriose möglicherweise früher über eine Erhaltung ihrer Fruchtbarkeit informiert werden sollten. Die Autoren schlagen insbesondere bei Frauen mit ovarieller Endometriose eine frühzeitige Beratung über das Einfrieren von Eizellen vor
Dabei geht es um die sogenannte Kryokonservierung. Eizellen werden nach einer hormonellen Stimulation aus den Eierstöcken gewonnen und anschließend eingefroren. Sie können zu einem späteren Zeitpunkt für eine Kinderwunschbehandlung verwendet werden.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Frau mit Endometriose vorsorglich ihre Eizellen einfrieren lassen sollte. Ob eine solche Behandlung sinnvoll ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab und sollte individuell mit einer gynäkologischen beziehungsweise reproduktionsmedizinischen Fachperson besprochen werden.
Die Behandlung muss zum Kinderwunsch passen
Gerade bei Endometriose kann die Behandlung eine schwierige Abwägung sein. Einerseits können Schmerzen, große Endometriome oder andere Beschwerden einen Eingriff notwendig machen. Andererseits kann insbesondere eine Operation am Eierstock die vorhandene Eierstockreserve weiter reduzieren.
Deshalb ist der Kinderwunsch bei der Therapieplanung ein wichtiger Faktor. Bei einer Frau mit Endometriose, die aktuell keine Schwangerschaft plant, kann die Situation anders beurteilt werden als bei einer Frau, die möglichst bald schwanger werden möchte. Auch Größe und Lage eines Endometrioms, Beschwerden, Alter und bisherige Behandlungen spielen eine Rolle. Eine pauschale Empfehlung, Endometriome immer zu operieren oder grundsätzlich nicht zu operieren, lässt sich aus den aktuellen Studien daher nicht ableiten.
Was die neue Forschung zeigt
Die aktuelle Studie liefert vor allem eine wichtige Botschaft: Endometriose sollte nicht als eine einzige Erkrankung betrachtet werden, wenn es um den Kinderwunsch geht. Die genaue Form scheint eine Rolle zu spielen. Besonders die ovarielle Endometriose war in der Untersuchung mit einer geringeren Eierstockreserve und einer schlechteren Embryoqualität verbunden. Bei oberflächlicher und tief infiltrierender Endometriose zeigten sich diese Veränderungen nicht in gleicher Weise
Gleichzeitig ist die Studie relativ klein und wurde bei Frauen durchgeführt, die bereits eine Kinderwunschbehandlung in Anspruch nahmen. Die Ergebnisse können deshalb nicht einfach auf alle Frauen mit Endometriose übertragen werden. Dennoch liefern sie einen weiteren Hinweis darauf, dass eine möglichst genaue Diagnose und eine individuelle Beurteilung wichtig sind.
Endometriose und Kinderwunsch: Der genaue Blick lohnt sich
Für Frauen mit Endometriose und Kinderwunsch gibt es daher nicht die eine Antwort auf die Frage, wie stark die Erkrankung die Chancen auf eine Schwangerschaft beeinflusst. Entscheidend sind unter anderem die Form und Lage der Endometriose, die Eierstockreserve, das Alter und mögliche vorausgegangene Operationen. Besonders bei Endometriomen lohnt sich ein genauer Blick auf die Funktion der Eierstöcke, da sowohl die Erkrankung selbst als auch bestimmte Eingriffe die vorhandene Reserve beeinflussen können.
Die Forschung zeigt damit zunehmend, dass bei Endometriose nicht nur die Frage wichtig ist, ob eine Frau Endometriose hat, sondern auch welche Form vorliegt und welche Organe betroffen sind. Für den Kinderwunsch könnte diese Unterscheidung künftig noch wichtiger werden – insbesondere, wenn es darum geht, die Behandlung frühzeitig und möglichst individuell zu planen.




