Eine Hormontherapie, die IVF-Patientinnen häufig angeboten wird, um die Schwangerschaftschancen zu verbessern, ist laut einer neuen Evidenzübersicht reine Zeitverschwendung. Die Injektion des Hormons humanes Choriongonadotropin (hCG) in die Gebärmutter einer Frau vor dem Embryotransfer erhöht weder die Schwangerschafts- noch die Lebendgeburtenrate, berichteten Forscher kürzlich in der Fachzeitschrift Human Reproduction Update. „Für Patientinnen und Ärzte ist die Botschaft klar: Diese Zusatzmaßnahme verbessert die Ergebnisse der Fertilitätsbehandlung nicht“, sagte der leitende Forscher Rui Wang, Senior Research Fellow an der Universität Sydney in Australien, in einer Pressemitteilung. Dieses Hormon sollte laut Wang nicht routinemäßig als Teil der IVF-Behandlung angeboten werden.
Hormonverfahren erhöhten nicht die Schwangerschafts- und Lebendgeburtenrate
Dieses Hormonverfahren wird weltweit angewendet, unter anderem in den USA, Europa, Australien und Teilen Asiens, so die Forscher in Hintergrundinformationen. Das Verfahren wurde Anfang bis Mitte der 2010er Jahre populär, um die Einnistung bei der IVF zu verbessern, basierend auf Studien, die positive Ergebnisse berichteten, so die Forscher. Als sie jedoch die Rohdaten hinter diesen Studien analysierten, stellten sie fest, dass frühere Behauptungen über die positiven Effekte der Hormontherapie nicht stichhaltig waren.
Für die neue Übersichtsarbeit fassten die Forscher Daten aus sieben früheren Studien zu dieser Behandlung zusammen, an denen 2.244 IVF-Patientinnen teilnahmen. Das Team untersuchte die Ergebnisse für die Patientinnen selbst und nicht die für jede einzelne klinische Studie veröffentlichten Ergebnisse. Die Ergebnisse zeigten, dass das Hormonverfahren unabhängig vom Patiententyp weder die Schwangerschafts- noch die Lebendgeburtenrate erhöhte. „Es gab in keiner der von uns analysierten Gruppen Hinweise auf einen Nutzen, weder bei frischen noch bei gefrorenen Embryotransfers, bei verschiedenen Embryonalstadien oder bei unterschiedlichen Dosierungen“, sagte Wang. „Als wir die Analyse auf Studien beschränkten, bei denen die Rohdaten überprüft und verifiziert werden konnten, verschwand der Effekt vollständig“, fügte er hinzu. Das Verfahren ist im Vergleich zu den Gesamtkosten einer IVF relativ kostengünstig, aber auch wenn es günstig ist, sollte Patienten keine Therapie angeboten werden, die nicht wirkt, so Wang.
„Jedes Verfahren, das Patienten angeboten wird, sollte durch zuverlässige Belege gestützt sein“, erklärte er. „Wenn Patienten bereits mehrere IVF-Zyklen durchlaufen, stellt das Hinzufügen von Verfahren ohne nachgewiesenen Nutzen eine unnötige Belastung für Menschen dar, die sich auf einem ohnehin schon schwierigen Weg befinden.“ Viele Patienten entscheiden sich für diese Zusatzmaßnahmen, wenn sich ihre Chancen auch nur geringfügig verbessern, da sie oft unter erheblichem emotionalem Druck stehen. Diese Ergebnisse könnten nur die Spitze des Eisbergs sein, so Wang. Andere Zusatzbehandlungen in der Reproduktionsmedizin könnten auf der Grundlage unzuverlässiger Belege in die Praxis übernommen worden sein. „Viele IVF-Zusatzbehandlungen sehen auf dem Papier vielversprechend aus, weil frühe Studien von Vorteilen berichten“, meinte Wang. „Aber wenn diese Studien fehlerhaft sind oder die Daten nicht verifiziert werden können, treffen Patienten möglicherweise Entscheidungen auf der Grundlage von Belegen, die nicht stichhaltig sind.“
Falsche Hoffnungen bei IVF-Patientinnen
Dass diese Hormonbehandlung nicht wirkt, hat mehrere wissenschaftliche Gründe, die vor allem mit falschen Annahmen über die Wirkung von humanes Choriongonadotropin (hCG) und mit methodischen Problemen früherer Studien zusammenhängen. Ursprünglich ging man davon aus, dass die direkte Gabe von hCG in die Gebärmutter die Einnistung des Embryos verbessern könnte. Der Gedanke dahinter: hCG ist ein Hormon, das natürlicherweise in der frühen Schwangerschaft gebildet wird und eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der Schwangerschaft spielt. Deshalb vermutete man, dass eine zusätzliche Gabe zum richtigen Zeitpunkt die Gebärmutterschleimhaut „empfänglicher“ machen und somit die Erfolgschancen einer In-vitro-Fertilisation erhöhen könnte. In der Realität scheint dieser Mechanismus jedoch nicht so zu funktionieren. Die Einnistung ist ein extrem komplexer biologischer Prozess, bei dem viele Signale exakt aufeinander abgestimmt sein müssen. Ein einzelnes Hormon zusätzlich zu verabreichen, reicht offenbar nicht aus, um diesen fein abgestimmten Ablauf messbar zu verbessern.
Ein weiterer zentraler Grund liegt in der Qualität der ursprünglichen Studien, auf denen die Methode basiert. Frühere Untersuchungen hatten teilweise positive Effekte gezeigt, doch diese Ergebnisse waren offenbar verzerrt. In der neuen Übersichtsarbeit wurden nicht nur veröffentlichte Ergebnisse betrachtet, sondern die zugrunde liegenden Rohdaten neu analysiert. Dabei zeigte sich, dass die vermeintlichen Vorteile verschwanden, sobald die Daten sorgfältig überprüft wurden. Das deutet darauf hin, dass frühere Studien möglicherweise methodische Schwächen hatten – etwa kleine Stichproben, selektive Auswertung oder statistische Verzerrungen.
Hinzu kommt, dass die Behandlung in keiner Patientengruppe einen nachweisbaren Nutzen zeigte – unabhängig davon, ob es sich um frische oder eingefrorene Embryonen handelte, welches Entwicklungsstadium der Embryo hatte oder welche Dosierung verwendet wurde. Das spricht stark dagegen, dass es sich nur um eine Frage der richtigen Anwendung handelt; vielmehr scheint der grundlegende Wirkmechanismus nicht den erhofften Effekt zu haben. Gerade bei einer belastenden Behandlung wie IVF setzen viele Patientinnen große Hoffnungen in zusätzliche Maßnahmen, selbst wenn der potenzielle Nutzen nur gering erscheint. Wenn eine solche Zusatztherapie aber nachweislich nichts verbessert, verlängert sie den Prozess unnötig und kann falsche Erwartungen wecken.




