Eine Krebsdiagnose bringt zahlreiche körperliche und psychische Belastungen mit sich. Für viele Männer kommt jedoch noch eine weitere wichtige Frage hinzu: Kann ich später noch Vater werden? Tatsächlich können sowohl die Krebserkrankung selbst als auch ihre Behandlung die männliche Fruchtbarkeit erheblich beeinträchtigen. Aus diesem Grund empfehlen Onkologen häufig, bereits vor Beginn der Therapie Sperma einfrieren zu lassen. Die sogenannte Kryokonservierung gilt heute als wichtigste Maßnahme, um die Chance auf eine spätere biologische Vaterschaft zu erhalten.
Wie Krebs die Fruchtbarkeit beeinflussen kann
Viele Menschen gehen davon aus, dass vor allem die Krebstherapie die Fruchtbarkeit beeinträchtigt. Tatsächlich kann jedoch bereits die Krebserkrankung selbst die Spermienproduktion deutlich beeinflussen – noch bevor eine Behandlung beginnt.

Krebs wirkt sich nicht nur lokal, sondern auf den gesamten Organismus aus. Der Körper reagiert auf die Erkrankung häufig mit Entzündungsprozessen, hormonellen Veränderungen und einer veränderten Stoffwechsellage. Gleichzeitig können Gewichtsverlust, Appetitmangel und allgemeine Schwäche dazu führen, dass der Energiehaushalt des Körpers aus dem Gleichgewicht gerät. All diese Faktoren können die empfindliche Spermienbildung im Hoden beeinträchtigen, da diese stark von einer stabilen hormonellen und körperlichen Umgebung abhängig ist.
Besonders gut belegt sind diese Zusammenhänge bei systemischen Erkrankungen wie Leukämien und Lymphomen. Diese Blutkrebserkrankungen betreffen den gesamten Körper und führen oft zu einer starken Belastung durch Entzündungsreaktionen und Stresshormone. Dadurch kann die Spermienqualität bereits zum Zeitpunkt der Diagnose reduziert sein.
Hinzu kommt, dass viele Patienten mit schweren Krebserkrankungen ohnehin unter einem allgemein geschwächten Gesundheitszustand leiden. Dieser sogenannte „systemische Stress“ kann die Hodenfunktion zusätzlich dämpfen und sowohl die Anzahl als auch die Beweglichkeit der Spermien verringern. In manchen Fällen zeigen sich daher bereits vor Beginn einer Therapie deutlich eingeschränkte Fruchtbarkeitswerte im Spermiogramm.
Krebsbehandlungen können dauerhafte Schäden verursachen
Neben der Erkrankung selbst stellen vor allem Krebsbehandlungen ein Risiko für die Fruchtbarkeit dar. Chemotherapien greifen gezielt schnell wachsende Zellen an. Da sich jedoch auch die Zellen, aus denen Spermien entstehen, besonders rasch teilen, werden sie häufig ebenfalls geschädigt. Die Folgen reichen von einer vorübergehenden Verringerung der Spermienzahl bis hin zu dauerhaften Einschränkungen der Fruchtbarkeit.
Auch Strahlentherapien können die Hoden oder andere Fortpflanzungsorgane beeinträchtigen. Je nach Strahlendosis und Behandlungsgebiet können die Schäden vorübergehend oder dauerhaft sein. Darüber hinaus können bestimmte Operationen, insbesondere Eingriffe im Beckenbereich oder die Entfernung von Lymphknoten bei Hodenkrebs, die Ejakulation beeinträchtigen und damit die natürliche Zeugungsfähigkeit einschränken.
Hodenkrebs betrifft häufig Männer im reproduktiven Alter
Besonders relevant ist das Thema Fruchtbarkeit bei Hodenkrebs. Er ist die häufigste solide Krebserkrankung bei Männern zwischen etwa 15 und 40 Jahren und tritt damit häufig in einer Lebensphase auf, in der viele Betroffene noch keine Familie gegründet haben oder ihre Familienplanung noch nicht abgeschlossen ist. Schätzungen zufolge weisen bereits vor Beginn der Behandlung bis zu die Hälfte der Patienten eingeschränkte Spermienwerte auf. Das bedeutet, dass die Fruchtbarkeit oft schon durch die Erkrankung selbst beeinträchtigt ist und nicht erst durch Chemotherapie, Bestrahlung oder Operationen.
Obwohl Hodenkrebs meist nur einen Hoden betrifft, kann die Erkrankung weitreichende Auswirkungen auf das gesamte Fortpflanzungssystem haben. Forscher vermuten, dass hormonelle Veränderungen, Entzündungsprozesse und andere systemische Belastungen des Körpers die Funktion des gesunden Hodens beeinträchtigen können. Dadurch können sowohl die Spermienzahl als auch die Beweglichkeit und Qualität der Spermien reduziert werden.

Hinzu kommt, dass einige Patienten bereits vor der Diagnose unter einer eingeschränkten Hodenfunktion leiden könnten. Wissenschaftler diskutieren seit Jahren die sogenannte „testikuläre Dysgenesie-Hypothese“, wonach bestimmte Entwicklungsstörungen der Hoden sowohl das Risiko für Hodenkrebs als auch für Fruchtbarkeitsprobleme erhöhen könnten. Dies würde erklären, warum manche Männer bereits vor der Krebsbehandlung Auffälligkeiten im Spermiogramm zeigen.
Die Behandlung kann die Situation zusätzlich verschärfen. Während die operative Entfernung eines erkrankten Hodens die Fruchtbarkeit bei vielen Männern nicht vollständig beeinträchtigt, können Chemotherapie, Strahlentherapie oder weiterführende Operationen die Spermienproduktion erheblich reduzieren oder sogar dauerhaft schädigen. Aus diesem Grund empfehlen Fachärzte häufig, bereits unmittelbar nach der Diagnose über Maßnahmen zum Erhalt der Fruchtbarkeit nachzudenken und möglichst vor Beginn der Therapie Sperma kryokonservieren zu lassen.
Sperma einfrieren als Vorsorge
Experten betrachten die Kryokonservierung von Sperma als Goldstandard zum Erhalt der Fruchtbarkeit. Das Verfahren ist vergleichsweise unkompliziert: Der Patient gibt in einer Fertilitätsklinik eine oder mehrere Samenproben ab, die anschließend eingefroren und über viele Jahre gelagert werden können.
Kommt später ein Kinderwunsch auf, können die Proben aufgetaut und im Rahmen assistierter Reproduktionstechniken wie der In-vitro-Fertilisation (IVF) oder der intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) verwendet werden.
Viele Kliniken haben inzwischen standardisierte Abläufe entwickelt, damit zwischen Krebsdiagnose und Therapiebeginn möglichst wenig Zeit verloren geht. Oft erfolgt die Überweisung zur Spermakonservierung automatisch unmittelbar nach der Diagnose.
Zusätzlich stehen mittlerweile Versandlösungen zur Verfügung. Dabei erhält der Patient ein spezielles Entnahmeset nach Hause, kann die Probe in privater Umgebung gewinnen und anschließend per Expressversand an ein Labor schicken, wo sie für die langfristige Lagerung vorbereitet wird.
Wenn vor der Behandlung kein Sperma eingefroren wurde
Nicht jeder Patient hat vor Beginn der Krebsbehandlung die Möglichkeit, Sperma einzufrieren. Manchmal ist die Therapie so dringend, dass keine Zeit für fruchtbarkeitserhaltende Maßnahmen bleibt. In anderen Fällen wird das Thema erst nach Beginn oder Abschluss der Behandlung relevant, wenn der Kinderwunsch konkreter wird.
Auch nach einer überstandenen Krebserkrankung gibt es jedoch häufig noch Optionen. Der erste Schritt besteht in der Regel in einem Spermiogramm, bei dem untersucht wird, ob sich Spermien im Ejakulat befinden. Finden sich keine Spermien, sprechen Ärztinnen und Ärzte von einer Azoospermie.
In solchen Fällen kann ein mikrochirurgischer Eingriff in Betracht gezogen werden: die mikrodissektive testikuläre Spermienextraktion (microTESE). Dabei wird das Hodengewebe unter einem Operationsmikroskop systematisch untersucht, um selbst kleinste Bereiche aktiver Spermienproduktion zu finden. Auch wenn die Spermienproduktion insgesamt stark eingeschränkt ist, können sich in einzelnen Gewebebezirken noch funktionierende „Inseln“ befinden.
Werden dort Spermien entdeckt, können diese entnommen, eingefroren und anschließend für assistierte Reproduktionstechniken wie IVF oder ICSI verwendet werden. Dadurch besteht für einige Patienten trotz schwerer Einschränkungen der Fruchtbarkeit weiterhin die Möglichkeit, ein biologisches Kind zu zeugen. Die microTESE gilt daher als wichtige Option in der modernen Reproduktionsmedizin, insbesondere für Männer, bei denen nach einer Krebsbehandlung zunächst keine Spermien im Ejakulat nachweisbar sind.
Die Suche nach den letzten Spermien
Bei einer microTESE untersucht der Operateur das Hodengewebe unter starker mikroskopischer Vergrößerung. Ziel ist es, kleinste Bereiche aufzuspüren, in denen trotz der vorausgegangenen Krebsbehandlung noch Spermien produziert werden.
Selbst wenn diese Mengen zu gering sind, um im Ejakulat nachweisbar zu sein, können einzelne Spermien häufig direkt aus dem Hoden gewonnen werden. Werden solche Zellen gefunden, können sie eingefroren und später für eine künstliche Befruchtung verwendet werden. Für viele Männer stellt dies die letzte Möglichkeit dar, genetisch eigene Kinder zu bekommen.
Erfolgreiche Eingriffe können dabei sehr bewegende Momente schaffen. So berichten Reproduktionsmediziner immer wieder von Patienten, die nach intensiven Krebsbehandlungen zunächst als unfruchtbar galten, bei denen jedoch durch eine microTESE einzelne Spermien gefunden werden konnten. In Kombination mit modernen IVF-Verfahren gelingt in manchen Fällen dennoch die Geburt eines gesunden Kindes.
Hoffnung trotz Krebs
Die Fortschritte der Reproduktionsmedizin haben die Möglichkeiten zum Erhalt der Fruchtbarkeit in den vergangenen Jahren deutlich erweitert. Zwar kann Krebs die Zeugungsfähigkeit erheblich beeinträchtigen, doch bedeutet eine Krebsdiagnose heute nicht zwangsläufig das Ende des Kinderwunsches. Eine frühzeitige Beratung und die rechtzeitige Planung fruchtbarkeitserhaltender Maßnahmen können entscheidend dazu beitragen, dass Männer auch nach einer erfolgreichen Krebsbehandlung die Chance auf eine eigene Familie behalten.




