In einer groß angelegten populationsbasierten Kohortenstudie untersuchten Forschende der University of Dundee in Zusammenarbeit mit dem University College London den Zusammenhang zwischen bestimmten chirurgischen Eingriffen im Kindes- und Jugendalter und der späteren Fruchtbarkeit von Frauen. Im Mittelpunkt der Untersuchung standen die Appendektomie (Entfernung des Blinddarms) sowie die Tonsillektomie (Entfernung der Gaumenmandeln), zwei medizinische Routineeingriffe, denen in der Vergangenheit gelegentlich ein potenziell negativer Einfluss auf die reproduktive Gesundheit zugeschrieben wurde. Ziel der Studie war es, diese Annahme anhand umfangreicher Langzeitdaten empirisch zu überprüfen.
Wie Appendektomie oder Tonsillektomie die Schwangerschaftsraten beeinflussen
Die Analyse basierte auf den anonymisierten Gesundheitsdaten von über 500.000 Frauen aus Großbritannien, die über mehrere Jahrzehnte hinweg beobachtet wurden. Die Frauen wurden in vier Gruppen eingeteilt: eine Kontrollgruppe ohne operative Eingriffe, eine Gruppe mit durchgeführter Appendektomie, eine Gruppe mit Tonsillektomie sowie eine Gruppe, bei der beide Eingriffe vorgenommen worden waren. Als primärer Endpunkt wurde das erstmalige Auftreten einer Schwangerschaft definiert. Zusätzlich wurde die Zeit bis zur ersten Schwangerschaft (time to pregnancy) analysiert. Zur statistischen Auswertung kamen unter anderem Cox-Regressionsmodelle zum Einsatz, mit denen mögliche Störfaktoren wie Alter, sozioökonomischer Status und relevante Vorerkrankungen berücksichtigt wurden.
Die Ergebnisse zeigten, dass Frauen mit einer Appendektomie oder Tonsillektomie signifikant häufiger mindestens eine Schwangerschaft erlebten als Frauen ohne diese Eingriffe. Während in der Kontrollgruppe etwa 44 % der Frauen schwanger wurden, lag dieser Anteil bei Frauen mit Appendektomie bei rund 54 %, bei Frauen mit Tonsillektomie bei etwa 53 %. Die höchste Schwangerschaftsrate wurde bei Frauen beobachtet, die sich beiden Eingriffen unterzogen hatten; hier lag sie bei knapp 60 %. Darüber hinaus zeigte sich, dass diese Frauen im Durchschnitt schneller schwanger wurden als Frauen ohne entsprechende Operationsvorgeschichte. Die statistischen Modelle deuteten auf eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft hin, selbst nach Anpassung an bekannte Einflussgrößen.
Trotz dieser klaren Assoziationen betonen die Autorinnen und Autoren ausdrücklich, dass die Ergebnisse keinen kausalen Zusammenhang belegen. Das bedeutet, dass nicht davon ausgegangen werden kann, dass die Entfernung von Mandeln oder Blinddarm direkt zu einer erhöhten Fruchtbarkeit führt. Vielmehr werden mehrere mögliche Erklärungsansätze diskutiert. Eine zentrale Hypothese betrifft sogenannte Confounder, insbesondere Verhaltensfaktoren: Frauen mit höherer sozialer Aktivität oder häufigerem Sexualkontakt könnten sowohl ein höheres Risiko für bestimmte Infektionen im Kindesalter als auch eine höhere Wahrscheinlichkeit für spätere Schwangerschaften aufweisen. Eine weitere Erklärung könnte in einer vermehrten medizinischen Erfassung dieser Frauen liegen, da sie häufiger Kontakt zum Gesundheitssystem hatten.
Darüber hinaus wird ein möglicher immunologischer Zusammenhang diskutiert. Sowohl Mandeln als auch Blinddarm sind Teil des lymphatischen Systems und spielen eine Rolle in der Immunabwehr. Es wird spekuliert, ob Veränderungen im Immunsystem nach deren Entfernung indirekt Prozesse beeinflussen könnten, die für die Einnistung oder den Schwangerschaftsverlauf relevant sind. Allerdings gibt es für diese Annahme bislang keine ausreichenden experimentellen oder klinischen Belege, weshalb sie ausdrücklich als hypothetisch eingeordnet wird.
Ergebnisse richtig interpretieren
Die zentrale Schlussfolgerung der Studie liegt daher weniger in der Annahme eines fertilitätssteigernden Effekts, sondern vielmehr in der Widerlegung eines lange bestehenden medizinischen Vorurteils. Die Daten zeigen klar, dass weder eine Appendektomie noch eine Tonsillektomie mit einer verminderten Fruchtbarkeit assoziiert sind. Vielmehr scheinen diese Eingriffe die Wahrscheinlichkeit einer späteren Schwangerschaft zumindest nicht negativ zu beeinflussen. Die Forschenden warnen ausdrücklich davor, die Ergebnisse als Rechtfertigung für prophylaktische oder bewusst herbeigeführte operative Eingriffe zu interpretieren. Der wissenschaftliche und klinische Mehrwert der Studie besteht vor allem darin, betroffenen Frauen fundierte Entwarnung zu geben und unbegründete Sorgen hinsichtlich möglicher langfristiger Auswirkungen solcher Operationen auszuräumen.




