Mit zunehmendem Alter verändert sich vieles im Körper – und auch die Eizellen bleiben davon nicht verschont. Während eine Frau äußerlich noch gesund und jung wirken kann, beginnt die Qualität ihrer Eizellen bereits Jahre zuvor nachzulassen. Besonders ab Mitte 30 wird dieser Prozess deutlicher und beschleunigt sich mit zunehmendem Alter. Dabei nimmt nicht nur die Zahl der verfügbaren Eizellen ab. Auch die Qualität der verbleibenden Eizellen verändert sich. Genau hier setzt eine der spannendsten Fragen der modernen Reproduktionsforschung an: Kann man die biologische Alterung einer Eizelle verlangsamen – oder vielleicht sogar teilweise zurückdrehen?
Forscher beschäftigen sich inzwischen intensiv mit dieser Frage. Dabei geht es nicht darum, eine Frau biologisch jünger zu machen. Vielmehr versuchen Wissenschaftler zu verstehen, welche Prozesse eine alternde Eizelle beeinträchtigen und ob sich einige dieser Veränderungen direkt in der Zelle beeinflussen lassen.
Warum Eizellen besonders empfindlich altern
Eizellen sind außergewöhnliche Zellen. Anders als viele andere Körperzellen entstehen sie nicht ständig neu. Frauen werden bereits mit einem begrenzten Vorrat an Eizellen geboren, der im Laufe des Lebens kontinuierlich abnimmt. Gleichzeitig bleiben die Eizellen über viele Jahre im Eierstock, bevor einzelne von ihnen heranreifen und ovuliert werden.
Mit zunehmendem Alter können sich dabei verschiedene Schäden und Veränderungen ansammeln. Wissenschaftler beobachten unter anderem eine schlechtere Funktion der Mitochondrien, mehr oxidativen Stress, Veränderungen an den Chromosomen, Probleme bei der Zellteilung und Veränderungen der DNA sowie epigenetischer Prozesse.
Besonders problematisch sind Fehler bei der Verteilung der Chromosomen während der Reifung der Eizelle. Dadurch kann es nach der Befruchtung zu Embryonen mit einer falschen Chromosomenzahl kommen. Dies ist einer der Gründe dafür, dass mit zunehmendem mütterlichem Alter das Risiko für Fehlgeburten und bestimmte chromosomale Auffälligkeiten steigt.
Die Mitochondrien rücken in den Mittelpunkt
Ein Schwerpunkt der Forschung liegt auf den Mitochondrien. Diese winzigen Strukturen werden häufig als Kraftwerke der Zelle bezeichnet, weil sie Energie in Form von ATP bereitstellen. Eine Eizelle benötigt während ihrer Reifung und nach der Befruchtung sehr viel Energie. Wenn die Mitochondrien schlechter funktionieren, kann dies die Reifung der Eizelle, die Chromosomenverteilung und die frühe Entwicklung des Embryos beeinträchtigen.
Deshalb versuchen Forscher, die Energieversorgung alternder Eizellen zu verbessern. In Tierexperimenten wurden beispielsweise Substanzen untersucht, die den mitochondrialen Stoffwechsel beeinflussen. Besonders interessant sind dabei Coenzym Q10, NAD+ und andere Stoffwechselwege, die mit der Energieproduktion und der Zellalterung verbunden sind.
NAD+: ein möglicher Schlüssel zur „Verjüngung“
Besondere Aufmerksamkeit erhält derzeit NAD+ (Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid). Dieses Molekül ist für zahlreiche Stoffwechselprozesse notwendig und spielt unter anderem eine wichtige Rolle für die Funktion der Mitochondrien.
In Tierversuchen konnten Wissenschaftler zeigen, dass eine Erhöhung des NAD+-Spiegels die Qualität alternder Eizellen verbessern kann. Dabei wurden unter anderem Verbesserungen bei der mitochondrialen Funktion und bei Prozessen beobachtet, die für eine korrekte Chromosomenverteilung wichtig sind.l, Stressreaktionen und Alterungsprozessen beteiligt. Forscher prüfen deshalb, ob eine gezielte Beeinflussung dieser Signalwege dazu beitragen könnte, altersbedingte Veränderungen der Eizelle zu verlangsamen.
Kann man eine alte Eizelle tatsächlich verjüngen?
Hier muss zwischen faszinierenden Laborergebnissen und einer bereits verfügbaren Behandlung unterschieden werden. In verschiedenen Tiermodellen konnten Forscher bestimmte Merkmale alternder Eizellen verbessern. Auch an menschlichen Eizellen werden experimentelle Verfahren untersucht. Dazu gehören unter anderem Ansätze, die den Energiestoffwechsel, oxidativen Stress oder die Funktion der Mitochondrien beeinflussen. Eine aktuelle Übersicht aus dem Jahr 2025 kommt jedoch zu dem Schluss, dass nur wenige dieser Strategien bislang über ausreichend starke klinische Daten beim Menschen verfügen.
Ein Beispiel liefert die Forschung mit Melatonin. In einer Laborstudie wurden unreife Eizellen von Frauen unterschiedlichen Alters außerhalb des Körpers gereift. Bei älteren Frauen führte die Zugabe von Melatonin während dieses experimentellen Reifungsprozesses zu Verbesserungen bestimmter mitochondrialer und chromosomaler Merkmale. Solche Ergebnisse sind interessant, bedeuten aber noch nicht, dass die Einnahme von Melatonin als Nahrungsergänzungsmittel die Fruchtbarkeit älterer Frauen verbessert.
Die Forscher stehen vor einer grundlegenden Herausforderung: Die Eizelle ist nicht isoliert. Sie entwickelt sich im Eierstock in enger Verbindung mit sogenannten Granulosazellen und anderen Zellen des Follikels. Diese liefern der Eizelle Nährstoffe, Signale und Stoffwechselprodukte. Mit zunehmendem Alter verändern sich auch diese unterstützenden Zellen. Deshalb könnte eine mögliche „Verjüngung“ der Eizelle allein nicht ausreichen. Auch ihre Umgebung im Eierstock könnte eine wichtige Rolle spielen. Das macht die Entwicklung einer zukünftigen Therapie besonders kompliziert. Forscher untersuchen deshalb nicht nur die Eizelle selbst, sondern das gesamte Umfeld des heranreifenden Follikels.
Warum diese Forschung für den Kinderwunsch wichtig ist
Die Zahl der Frauen, die ihr erstes Kind in höherem Alter bekommen, nimmt zu. Gleichzeitig ist die Eizellalterung einer der wichtigsten Faktoren, die die natürliche Fruchtbarkeit begrenzen. Bei einer künstlichen Befruchtung kann zwar versucht werden, mehrere Eizellen zu gewinnen, doch auch dabei bleibt die altersbedingte Qualität der Eizellen ein entscheidender Faktor. Sollte es Wissenschaftlern eines Tages gelingen, bestimmte altersbedingte Schäden der Eizelle sicher und zuverlässig zu reduzieren, könnte dies die Reproduktionsmedizin grundlegend verändern. Frauen hätten möglicherweise bessere Chancen, auch in einem höheren reproduktiven Alter gesunde Eizellen zu gewinnen.
Doch davon ist die Medizin noch ein gutes Stück entfernt. Derzeit gibt es keine etablierte Behandlung, die eine menschliche Eizelle nachweislich biologisch verjüngt und dadurch zuverlässig die Schwangerschafts- oder Lebendgeburtenrate erhöht. Die Forschung zeigt jedoch etwas Wichtiges: Das Altern der Eizelle ist kein einziger, unveränderlicher Prozess. Es besteht aus vielen miteinander verbundenen Veränderungen – von mitochondrialer Dysfunktion und oxidativem Stress bis hin zu Problemen bei der Chromosomenverteilung und Veränderungen des Zellumfelds.
Wenn Wissenschaftler diese einzelnen Prozesse besser verstehen, könnten sich möglicherweise neue Möglichkeiten eröffnen, die reproduktive Gesundheit länger zu erhalten. Die „biologische Uhr der Eizelle“ lässt sich heute also noch nicht einfach zurückdrehen. Aber die Forschung versucht zunehmend herauszufinden, welche Zahnräder dieser Uhr sich überhaupt bewegen lassen. Genau darin könnte langfristig der Schlüssel liegen, um die altersbedingte Abnahme der Eizellqualität besser zu verstehen – und vielleicht eines Tages gezielt zu beeinflussen.




