Wenn es um einen unerfüllten Kinderwunsch geht, richtet sich der Blick häufig zuerst auf die Frau. Untersuchungen konzentrieren sich beispielsweise auf die Eizellreserve, den Eisprung, die Gebärmutter oder den Hormonhaushalt. Doch auch die männliche Seite spielt eine entscheidende Rolle. Neue Forschung rückt dabei einen bisher weniger beachteten Faktor in den Mittelpunkt: die Bakteriengemeinschaft im Samen.
Eine aktuelle Studie deutet darauf hin, dass bestimmte Veränderungen des sogenannten Samenmikrobioms mit den Erfolgsaussichten einer Kinderwunschbehandlung zusammenhängen könnten. Bei Paaren, die sich einer künstlichen Befruchtung unterzogen, war ein bestimmtes bakterielles Muster im Samen des Mannes mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für eine Lebendgeburt und einem höheren Risiko für einen Schwangerschaftsverlust verbunden. Die Ergebnisse eröffnen einen neuen Blick auf die männliche Fruchtbarkeit – werfen gleichzeitig aber auch wichtige Fragen auf.
Das Mikrobiom des Mannes rückt in den Fokus
Der menschliche Körper beherbergt eine enorme Zahl von Mikroorganismen. Bakterien, Viren und Pilze leben unter anderem im Darm, auf der Haut und im Genitaltrakt. Auch Samenflüssigkeit ist nicht vollständig frei von Mikroorganismen. Lange Zeit wurde dem sogenannten Samenmikrobiom in der Kinderwunschmedizin jedoch vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
Das ändert sich zunehmend. Forscher interessieren sich dafür, welche Mikroorganismen im männlichen Genitaltrakt vorkommen und ob ihre Zusammensetzung etwas über die Qualität der Spermien oder den Erfolg einer Befruchtung aussagen kann.
Die neue Studie untersuchte deshalb nicht nur die Frau, sondern betrachtete die mikrobiellen Lebensgemeinschaften beider Partner. Einbezogen wurden Paare, die sich einer In-vitro-Fertilisation (IVF) oder einer intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) unterzogen, sowie Frauen mit wiederholten Schwangerschaftsverlusten. Insgesamt wurden mehr als 350 Frauen und knapp 200 Männer in zwei unabhängigen Gruppen untersucht.
Bestimmtes Bakterienmuster war mit weniger Lebendgeburten verbunden
Besonders interessant war ein bakterielles Muster, das die Forscher als seminäre Dysbiose bezeichneten. Dabei war die Zusammensetzung der Mikroorganismen im Samen verändert und ähnelte teilweise bakteriellen Mustern, die auch bei einer bakteriellen Vaginose beobachtet werden.
Bei Paaren, die sich einer IVF unterzogen, zeigte sich ein deutlicher Unterschied: Wenn der männliche Partner dieses ungünstige bakterielle Muster aufwies, kam es in der untersuchten Gruppe bei etwa 57 Prozent der Paare zu einer Lebendgeburt. Ohne dieses Muster lag der Anteil bei rund 85 Prozent. Auch in beiden untersuchten Gruppen war das veränderte Samenmikrobiom mit einem erhöhten Risiko für einen Schwangerschaftsverlust verbunden.
Diese Zahlen sind bemerkenswert, bedeuten aber nicht, dass Bakterien im Samen automatisch eine Unfruchtbarkeit verursachen. Die Studie war beobachtend angelegt. Die Forscher konnten also einen Zusammenhang feststellen, aber nicht beweisen, dass die Bakterien selbst für die schlechteren Behandlungsergebnisse verantwortlich sind.
Warum könnten Bakterien im Samen eine Rolle spielen?
Die genaue biologische Erklärung ist bislang nicht geklärt. Eine Möglichkeit besteht darin, dass bestimmte Mikroorganismen die Eigenschaften der Spermien beeinflussen. Frühere Untersuchungen haben bereits Zusammenhänge zwischen der Zusammensetzung des Samenmikrobioms und verschiedenen Spermienmerkmalen wie Beweglichkeit oder Qualität beschrieben. Andere Untersuchungen fanden Verbindungen zwischen bestimmten bakteriellen Gruppen und der Qualität von Embryonen nach einer IVF.

Eine weitere Möglichkeit betrifft die Interaktion zwischen den Partnern. Mikroorganismen aus dem männlichen Genitaltrakt können beim Geschlechtsverkehr mit dem weiblichen Genitaltrakt in Kontakt kommen. Die Forscher vermuten deshalb, dass das Samenmikrobiom möglicherweise auch die Umgebung beeinflussen könnte, in der Befruchtung und frühe Schwangerschaft stattfinden.
Dabei könnte das Immunsystem eine wichtige Rolle spielen. Bestimmte bakterielle Zusammensetzungen könnten Entzündungsprozesse fördern oder die lokale Immunantwort verändern. Theoretisch könnte dies wiederum die Einnistung eines Embryos oder die Aufrechterhaltung einer frühen Schwangerschaft beeinflussen. Für diese Mechanismen gibt es bislang jedoch noch keine ausreichenden Beweise.
Nicht jedes Bakterium ist schädlich
Wichtig ist, das Samenmikrobiom nicht grundsätzlich als etwas Negatives zu betrachten. Der Körper ist nicht steril, und das Vorhandensein von Bakterien bedeutet nicht automatisch eine Infektion oder eine Erkrankung.
Vielmehr kommt es offenbar auf die Zusammensetzung der gesamten mikrobiellen Gemeinschaft an. Bestimmte Bakterien können unter bestimmten Bedingungen möglicherweise günstig sein, während andere mit Entzündungen oder schlechteren reproduktiven Ergebnissen in Verbindung gebracht werden.
Frühere Studien haben beispielsweise Hinweise darauf gefunden, dass verschiedene Bakteriengruppen mit unterschiedlichen Spermien- und Embryoeigenschaften zusammenhängen. In Untersuchungen des Samenmikrobioms wurden unter anderem Lactobacillus, Prevotella, Staphylococcus und verschiedene andere Bakteriengruppen nachgewiesen. Die Ergebnisse sind allerdings nicht immer einheitlich.
Das macht die Forschung besonders komplex: Es reicht wahrscheinlich nicht aus, nach „guten“ oder „schlechten“ Bakterien zu suchen. Entscheidend könnte vielmehr das Gleichgewicht des gesamten Mikrobioms sein.
Auch das Darmmikrobiom könnte eine Rolle spielen
Die aktuelle Studie beschränkte sich nicht auf das männliche Samenmikrobiom. Die Forscher untersuchten auch das Darmmikrobiom der Frauen. Dabei fanden sie Hinweise darauf, dass bestimmte Veränderungen der Darmflora ebenfalls mit einer längeren Zeit bis zur Schwangerschaft und einer geringeren Wahrscheinlichkeit für eine Empfängnis verbunden sein könnten.
Das ist interessant, weil das Darmmikrobiom zahlreiche Prozesse beeinflussen kann. Dazu gehören unter anderem Stoffwechsel, Immunreaktionen und Entzündungsprozesse. Diese wiederum können mit der Fortpflanzungsfunktion zusammenhängen.
Allerdings gilt auch hier: Die Studie zeigt zunächst nur statistische Zusammenhänge. Es ist noch nicht bekannt, ob eine Veränderung des Darmmikrobioms tatsächlich die Fruchtbarkeit beeinflusst oder ob andere Faktoren hinter beiden Beobachtungen stehen.
Das Mikrobiom beider Partner könnte wichtig sein
Eine Besonderheit der aktuellen Forschung ist deshalb der Blick auf beide Partner. Bei der Kinderwunschbehandlung wird häufig versucht, die Ursachen möglichst eindeutig einem Mann oder einer Frau zuzuordnen. Das Zusammenspiel der beiden reproduktiven Systeme könnte jedoch komplizierter sein.

Forscher vermuten, dass sich die Mikrobiome der Partner teilweise gegenseitig beeinflussen können. Mikroorganismen können zwischen Menschen übertragen werden, und die mikrobielle Umgebung des männlichen und weiblichen Genitaltrakts steht möglicherweise stärker miteinander in Verbindung, als bisher angenommen.
Das bedeutet nicht, dass das Mikrobiom eines Partners automatisch das des anderen bestimmt. Es zeigt aber, dass die Fruchtbarkeit möglicherweise nicht nur von einzelnen Organen oder Laborwerten abhängt, sondern auch von komplexen biologischen Wechselwirkungen zwischen beiden Menschen.
Könnte eine Behandlung des Mikrobioms die Fruchtbarkeit verbessern?
Das ist eine der spannendsten Fragen für die Zukunft. Wenn bestimmte bakterielle Muster tatsächlich zu schlechteren Behandlungsergebnissen beitragen, könnte sich theoretisch die Möglichkeit ergeben, das Mikrobiom vor einer Kinderwunschbehandlung gezielt zu verändern.
Denkbar wären beispielsweise individuell ausgewählte Probiotika, Veränderungen der Ernährung oder andere mikrobiombasierte Therapien. Auch diagnostische Tests könnten künftig eine Rolle spielen, um bestimmte mikrobielle Muster vor einer IVF oder ICSI zu erkennen.
Von solchen Anwendungen ist die Medizin allerdings noch entfernt. Die Forscher betonen selbst, dass zunächst geklärt werden muss, ob eine Veränderung des Mikrobioms tatsächlich zu besseren Schwangerschafts- oder Lebendgeburtenraten führt.
Antibiotika sind keine einfache Lösung
Gerade deshalb sollte aus den neuen Ergebnissen nicht die Schlussfolgerung gezogen werden, dass Männer vor einer Kinderwunschbehandlung vorsorglich Antibiotika einnehmen sollten.
Das wäre wissenschaftlich derzeit nicht gerechtfertigt. Frühere Untersuchungen zeigen zudem, dass die Behandlung von Bakterien im Samen bei Männern ohne Beschwerden nicht automatisch zu besseren IVF-Ergebnissen führt. Eine ältere prospektive Studie kam sogar zu dem Schluss, dass eine routinemäßige Behandlung asymptomatischer Männer mit Antibiotika unnötig sein und möglicherweise Nachteile haben kann.
Antibiotika verändern außerdem nicht nur potenziell krankmachende Bakterien, sondern können auch nützliche Bestandteile des Mikrobioms beeinflussen. Deshalb wäre eine gezielte Behandlung nur dann sinnvoll, wenn klar ist, welche Mikroorganismen tatsächlich problematisch sind und ob ihre Entfernung oder Veränderung den Kinderwunschbehandlungserfolg verbessert.
Neue Perspektive auf die männliche Fruchtbarkeit
Die Forschung zum Samenmikrobiom steckt noch vergleichsweise am Anfang. Dennoch verändert sie bereits die Sichtweise darauf, welche Faktoren bei männlicher Fruchtbarkeit eine Rolle spielen könnten.
Traditionell stehen bei der Untersuchung des Mannes vor allem Spermienzahl, Beweglichkeit und Form der Spermien im Mittelpunkt. Diese Parameter bleiben wichtig. Das Mikrobiom könnte jedoch eine zusätzliche Ebene darstellen, die erklärt, warum manche Männer trotz scheinbar unauffälliger Samenparameter Schwierigkeiten bei der Fortpflanzung haben oder warum eine Kinderwunschbehandlung nicht immer erfolgreich verläuft.
Auch frühere Untersuchungen zeigen, dass Mikroorganismen im Samen mit der Qualität von Spermien und Embryonen in Verbindung stehen können. Gleichzeitig sind die Ergebnisse verschiedener Studien teilweise widersprüchlich, was zeigt, dass noch viel Forschungsarbeit notwendig ist.
Was die Forschung für die Kinderwunschmedizin bedeuten könnte
Sollten sich die aktuellen Ergebnisse in größeren und unabhängigen Studien bestätigen, könnte das Samenmikrobiom künftig zu einem weiteren Bestandteil der Fruchtbarkeitsdiagnostik werden. Vor einer IVF oder ICSI wäre dann möglicherweise nicht nur interessant, wie viele Spermien vorhanden sind und wie gut sie sich bewegen, sondern auch, welche mikrobielle Umgebung mit ihnen verbunden ist.
Das könnte langfristig zu einer stärker personalisierten Kinderwunschmedizin führen. Statt bei allen Patienten nach demselben Schema vorzugehen, könnten Ärzte unterschiedliche biologische Faktoren berücksichtigen und Behandlungen gezielter auswählen.
Bis dahin ist jedoch Vorsicht angebracht. Die aktuelle Forschung liefert einen wichtigen Hinweis, aber noch keine neue Standardtherapie. Es muss zunächst geklärt werden, welche Bakterien tatsächlich relevant sind, welche Mechanismen dahinterstehen und ob eine gezielte Veränderung des Mikrobioms die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft oder Lebendgeburt tatsächlich erhöhen kann.
Fest steht aber schon jetzt: Bei der Erforschung männlicher Fruchtbarkeit rückt das Mikrobiom zunehmend in den Mittelpunkt. Und die neuen Ergebnisse legen nahe, dass bei der Frage nach dem Erfolg einer Kinderwunschbehandlung möglicherweise nicht nur die Spermien selbst betrachtet werden sollten, sondern auch die mikrobielle Umgebung, in der sie entstehen und mit der sie in Kontakt kommen.




