Eine künstliche Befruchtung ist für viele Paare mit Kinderwunsch ein komplexer Weg, bei dem verschiedene Behandlungsmöglichkeiten infrage kommen. Eine davon ist die sogenannte ICSI, die heute sehr häufig zusammen mit einer IVF eingesetzt wird. Doch neue Forschung stellt die Frage, ob diese aufwendigere Befruchtungsmethode tatsächlich für alle Paare einen Vorteil bringt.
Eine große kanadische Analyse mit 140.252 IVF-Behandlungszyklen kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Bei Paaren, bei denen kein männlicher Faktor als Ursache der Unfruchtbarkeit festgestellt wurde, führte ICSI nicht zu einer höheren kumulativen Lebendgeburtenrate als eine herkömmliche IVF. In der Untersuchung lag die Rate sogar bei 36,3 Prozent nach ICSI gegenüber 38,5 Prozent nach konventioneller IVF.
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen IVF und ICSI?
Bei einer In-vitro-Fertilisation (IVF) werden Eizellen und Spermien im Labor zusammengebracht. Die Spermien müssen dabei selbstständig eine Eizelle befruchten. Die Befruchtung findet also außerhalb des Körpers statt, bevor sich der daraus entstehende Embryo weiterentwickelt und später in die Gebärmutter eingesetzt werden kann.
Bei der ICSI, der intrazytoplasmatischen Spermieninjektion, wird dagegen ein einzelnes Spermium gezielt ausgewählt und mit einer sehr feinen Pipette direkt in die Eizelle injiziert. Die ICSI ist deshalb keine völlig andere Kinderwunschbehandlung als die IVF, sondern verändert vor allem den eigentlichen Befruchtungsschritt innerhalb eines IVF-Zyklus.
Das kann insbesondere dann hilfreich sein, wenn Spermien Schwierigkeiten haben, eine Eizelle aus eigener Kraft zu befruchten. Die Methode wurde ursprünglich vor allem für Paare mit männlich bedingter Unfruchtbarkeit entwickelt. Auch nach einer früheren IVF, bei der es trotz grundsätzlich geeigneter Voraussetzungen zu einer sehr schlechten oder ausgebliebenen Befruchtung kam, kann ICSI eine wichtige Rolle spielen.
Warum wird eine ICSI so häufig eingesetzt?
Die Idee hinter ICSI klingt zunächst überzeugend: Wenn ein Spermium Schwierigkeiten hat, in die Eizelle einzudringen, kann der Embryologe diesen Schritt einfach technisch übernehmen. Dadurch kann die Befruchtung gezielter unterstützt werden.
Allerdings bedeutet eine höhere oder erleichterte Befruchtungsrate nicht automatisch eine höhere Wahrscheinlichkeit für ein Baby. Genau hier setzt die aktuelle Forschung an. Für Patientinnen und Patienten ist letztlich nicht entscheidend, wie viele Eizellen im Labor befruchtet werden, sondern ob daraus Embryonen entstehen, eine Schwangerschaft eintritt und am Ende ein gesundes Kind geboren wird.
Die kanadische Untersuchung zeigte zwar eine etwas höhere Befruchtungsrate bei ICSI, bei der Zahl normal befruchteter Eizellen und der Zahl nutzbarer Embryonen pro Eizellentnahme gab es jedoch keine entsprechenden Vorteile. Bei der kumulativen Lebendgeburtenrate schnitt die konventionelle IVF in dieser Analyse sogar etwas besser ab.
Große Studie mit mehr als 140.000 Behandlungen
Für ihre Untersuchung werteten die Forschenden Daten aus dem kanadischen Register für assistierte Reproduktion aus. Berücksichtigt wurden Behandlungen zwischen 2013 und 2022. Die Analyse umfasste 35.251 Zyklen mit konventioneller IVF und 105.001 Zyklen mit ICSI bei Paaren ohne diagnostizierten männlichen Faktor.
Die Forschenden betrachteten dabei nicht nur, ob eine Eizelle befruchtet wurde. Ein wichtiger Endpunkt war die kumulative Lebendgeburtenrate. Dabei werden Lebendgeburten aus frischen und eingefrorenen Embryotransfers berücksichtigt, die aus einer einzigen Eizellentnahme hervorgegangen sind. Dieser Wert kann deshalb aussagekräftiger sein als lediglich der Erfolg eines einzelnen Embryotransfers.
Das Ergebnis war überraschend: 38,5 Prozent der Behandlungen mit konventioneller IVF führten kumulativ zu einer Lebendgeburt, verglichen mit 36,3 Prozent bei ICSI. Die Forschenden kommen deshalb zu dem Schluss, dass ICSI bei nicht männlich bedingter Unfruchtbarkeit keinen Vorteil bei der kumulativen Lebendgeburtenrate zeigte.
Auch eine neue Metaanalyse findet keinen Vorteil
Die Ergebnisse der kanadischen Untersuchung stehen zudem nicht allein. Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse wertete sechs randomisierte kontrollierte Studien mit Paaren ohne schwere männliche Unfruchtbarkeit aus.
Auch hier zeigte sich kein Vorteil von ICSI gegenüber der herkömmlichen IVF bei der Lebendgeburtenrate oder der kumulativen Lebendgeburtenrate. Die Autoren bewerteten die Evidenz für diese zentralen Ergebnisse als hochwertig, weisen aber gleichzeitig auf einige Einschränkungen hin, unter anderem auf die begrenzte Zahl hochwertiger Studien mit Lebendgeburten als Ergebnis.
Wann eine ICSI sinnvoll sein kann
Das bedeutet keineswegs, dass ICSI überflüssig ist. Bei schwer eingeschränkter männlicher Fruchtbarkeit kann sie eine wichtige Behandlungsmöglichkeit sein. Wenn beispielsweise nur sehr wenige geeignete Spermien vorhanden sind oder eine Befruchtung bei einer früheren IVF trotz geeigneter Voraussetzungen nicht oder nur sehr schlecht funktioniert hat, kann die direkte Injektion eines Spermiums in die Eizelle sinnvoll sein.

Der entscheidende Punkt ist deshalb: ICSI ist nicht automatisch eine „bessere“ Version der IVF. Sie ist vielmehr eine spezielle Technik, die bei bestimmten Voraussetzungen einen klaren medizinischen Nutzen haben kann.
Warum wird ICSI dann auch bei Paaren eingesetzt, bei denen kein schwerer männlicher Faktor vorliegt? Die Gründe können vielfältig sein. Unter anderem kann die Methode für Kliniken und Patientinnen attraktiv erscheinen, weil sie die Befruchtung technisch kontrollierbarer macht.
Die aktuellen Daten sprechen jedoch dafür, genauer hinzuschauen. Wenn keine schwere männliche Unfruchtbarkeit vorliegt, scheint die zusätzliche technische Unterstützung nicht automatisch zu einer höheren Wahrscheinlichkeit für eine Lebendgeburt zu führen. Die neue Metaanalyse kommt deshalb ebenfalls zu dem Schluss, dass ICSI außerhalb bestimmter Indikationen nicht routinemäßig eingesetzt werden sollte.
Fazit
Die Frage ist also nicht unbedingt „IVF oder ICSI – welche Methode ist besser?“, sondern vielmehr: Braucht dieses Paar ICSI überhaupt? Bei schwerer männlicher Unfruchtbarkeit kann die Methode sehr wertvoll sein. Wenn dagegen kein schwerer männlicher Faktor vorliegt, zeigen die neuesten Daten keinen überzeugenden Vorteil gegenüber der herkömmlichen IVF bei der Wahrscheinlichkeit einer Lebendgeburt.
Die Forschung spricht damit für eine stärker individualisierte Behandlung. Nicht die technisch aufwendigere Methode muss automatisch die bessere sein – entscheidend ist, welche Behandlung zur jeweiligen Ursache und Situation des Kinderwunsches passt.




